Pharmaaktien kein „sicherer Hafen“

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Ausblick. Generika und Regulierungen bedrohen Gewinne, Kurse dürften darunter leiden.

FRANKFURT (red./Bloomberg).Die Aktien von Pharmakonzernen wie Merck & Co, Novartis AG, GlaxoSmithKline und Sanofi-Aventis dürften ihren Ruf als „sicherer Hafen“ in turbulenten Börsezeiten verlieren.

Laut Fondsmanager Simon Carter von Aegon Asset Management in Edinburgh werden die Pharmawerte dieses Jahr voraussichtlich hinter dem breiteren Markt zurück bleiben, da die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) und andere Aufsichtsbehörden heuer weniger neue Medikamente zulassen werden. Außerdem droht die Konkurrenz von Generikaprodukten den Pharmakonzernen 150 Milliarden Dollar Einnahmen zu entziehen.

Investoren suchen angesichts der Turbulenzen an den Börsen nach Unternehmen, die weniger anfällig für Konjunkturschwankungen sind. Europäische Pharmaaktien haben in diesem Jahr zwar 4,2 Prozent verloren. Damit schlagen sie den Dow Jones 600 Index aber immer noch deutlich: er kommt auf ein Minus von 14 Prozent. Analysten von Standard & Poor beurteilen die Aktien nach einem Kursverlust von zwölf Prozent im vergangenen Jahr als attraktiv. Helvea und Morgan Stanley gehen dagegen davon aus, dass die Aktien dieses Jahr keine gute Performance abliefern werden.

„Wir finden die Aktien, basierend auf dem jetzigen Wert und den kurzzeitigen Wachstumsaussichten, nicht so attraktiv“, sagte Carter. Die größten Risiken sind eine „feindliche“ FDA und neue Regierungsvorschriften, die niedrigere Medikamentenpreise bevorzugen, fügte er hinzu.

Preisdeckelung in den USA?

Die Präsidentschaftskandidaten in den USA – wie Hillary Clinton, Barack Obama und John McCain – unterstützen eine Gesetzgebung, die die Gewinne der Industrie bedroht. Die Politiker haben sich dafür ausgesprochen, dass die USA Rabatte bei Medikamenten für die staatliche medizinische Versorgung Medicare aushandeln. Sie wollen es Amerikanern außerdem ermöglichen, günstigere Medikamente aus Europa oder Kanada zu beziehen, sowie eine stärkere Nutzung von preisgünstigeren Generikaprodukten fördern.

„Die Regierungen in Europa und Japan haben bereits Preisbeschränkungen für Medikamente eingeführt. Es gibt nun große Bedenken, dass das auch die neue US-Regierung tun könnte und ihre Stellung als Hauptabnehmer von Pharmaerzeugnissen im Lande nutzt, um einen transatlantischen Preisausgleich voranzutreiben“, schrieb Analyst Nick Turner von Mirabaud.

Dazu kommt, dass Sorgen wegen der Medikamentensicherheit die Zulassung neuer Präparate bremsen dürften. Seit Merck sein Schmerzmittel Vioxx aufgrund von Gesundheitsrisiken vom Markt nehmen musste, fordern Mitglieder des amerikanischen Kongresses strengere Kontrollen. 2007 lag die Zahl der in den USA neu zugelassenen Medikamente bei 19 und damit so niedrig wie seit 24 Jahren nicht mehr.

„Dieser Sektor ist nicht so defensiv wie man glaubt“, sagt Jeremy Batstone-Carr, Analyst bei Charles Stanley, in einem Interview. „Wir sehen einen immer größeren Druck der Generika auf den Umsatz, eine immer risikoscheuere FDA und den Preisdruck der Regierung. Dies sind einige große Hürden.“Novartis, der erste Pharmakonzern, der dieses Jahr seine Ergebnisse bekannt geben wird, kündigte vergangene Woche an, er werde bis zum vierten Quartal nicht stärker als seine Konkurrenten wachsen. Der Umsatz verzeichnete den geringsten Anstieg seit fünf Quartalen. Novartis-Aktien waren 2007 mit einem Verlust von zwölf Prozent die drittschlechtesten Wertpapiere im Bloomberg Europe Pharmaceutical Index. Dieses Jahr verlor die Aktie bereits zehn Prozent.

Besonders pessimistisch zeigt sich Batstone-Carr für die Aktie von AstraZeneca. Ihr drohe der stärkste Druck durch Generika. Derzeit klagt der Pharmakonzern gegen zwei indische und einen israelischen Konkurrenten, die generische Versionen seines Magenmedikaments Nexium herstellen. Vergleichsweise sicher sei dagegen Roche Holding aus der Schweiz. Das Unternehmen stellt vor allem Krebsmittel her, die teurer als andere Medikaments verkauft werden und schwieriger zu kopieren sind. Wenn es eine Aktie in dem Sektor gibt, die als sicherer Hafen bezeichnet werden kann, dann ist es Roche.

AUF EINEN BLICK

Pharma-Aktien haben ihren Status als „sicherer Hafen“ in Börsenturbulenzen verloren. Schon im Vorjahr haben sich die Pharmawerte unterdurchschnittlich entwickelt.

Preisregulierungen und der verstärkte Einsatz von Generika (Nachbau-Medikamente) machen der Branche zu schaffen – und drücken die Gewinne der großen Pharmakonzerne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2008)

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