Ein Plädoyer für das Handy

Menschen, die heutzutage kein Handy haben, sind unverbesserliche Snobs.

Ich kenne die Argumente. Ich kenne sie nur zu gut: Dass so ein Handy einen versklavt. Dass es das Leben beschleunigt, weil man, statt fad auf die Straßenbahn zu warten, noch schnell ein paar Telefonate erledigt. Dass seither dauernd alle zu spät kommen, weil man ja anrufen kann und sagen: „Geh, entschuldige, ich komm erst in zwanzig Minuten, macht's dir eh nichts aus?“

Wie gesagt, ich kenne die Argumente, ich aber sage, ich mag mein Handy – und Menschen, die heutzutage kein Handy haben, sind unverbesserliche Snobs.

Mein Mann zum Beispiel. Der hat keines. Was für ihn kein Problem ist, denn wenn er unbedingt ein Handy braucht, dann baut er auf meine grenzenlose Gutmütigkeit und borgt sich einfach meines. Mit dem Ergebnis, dass ich neulich ohne Handy zu einem Interviewtermin ins Café Raimund gegangen bin.

Jetzt ist das mit Interviews ja so: Meistens kenne ich ja die Künstler, mit denen ich mich treffe – zumindest von Fotos. Manchmal kenne ich sie aber auch nicht. Dann ist es ein bisschen so wie bei einem Blind Date: Wie findet man sich? Ich meine: Wie schaut der aus?

Jetzt könnte ich natürlich vorher um eine Beschreibung bitten – aber das ist unhöflich. Ich könnte mich selbst beschreiben – aber „groß und blond“ klingt blöd. Darum sage ich meistens: Ich habe eine „Bühne“ in der Hand. Das klappt immer. So viele Frauen, die mit der „Bühne“ in der Hand herumlaufen, gibt es nämlich nicht. Die „Bühne“ ist ja schließlich nicht der „Wachturm“.

Ich ging also ins Café, drapierte die „Bühne“ auf dem Caféhaustisch und wartete. 15.10: nix. Um 15.15: immer noch nix. Um 15.17 sprach ich den Herrn am Fenster an, aber das war ein Tourist. Um 15.20 sprach ich den Herrn neben der Bar an. Der entschuldigte sich. Um 15.23 Uhr ging ich freudig auf den Herrn zu, der gerade zur Drehtür hereinkam. Der war es aber auch nicht, es war ein politischer Autor, den ich von früher her kannte. Er war mir aber nicht böse und schenkte mir sein jüngstes Buch.

Um 15.30 kam ich mir vor wie ein einsames Herz, zahlte und ging nach Hause, wo ich erfuhr, dass der Regisseur erkrankt war. Darmgrippe.

Das alles wäre mir mit einem Handy nicht passiert.


bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2008)

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