Europa steckt in der Zinsenfalle

Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Die US-Notenbank bringt mit ihren Zinssenkungen die Europäische Zentralbank zunehmend unter Druck. Hohe Teuerungsraten werden aber mit höheren Zinsen bekämpft.

Die Europäische Zentralbank (EZB) findet sich dieser Tage in einer Situation wieder, die am treffendsten mit einem Wort zu beschreiben ist: Dilemma. Nachdem die US-Notenbank "Fed" die Zinsen diese Woche neuerlich senken dürfte, werden auch in Europa die Rufe nach billigerem Geld lauter. Andernfalls würden nämlich Investoren neuerlich US-Anleihen verkaufen und das frei werdende Geld in die Hochzins-Region Europa verfrachten. Was wiederum zu einer weiteren Aufwertung des (ohnehin sehr starken) Euro gegenüber dem US-Dollar führen wird. US-Konkurrenz.  Schwacher Dollar schadet Europa

Genau darin sehen Ökonomen ein wachsendes Problem. Wie etwa Alfred Steinherr, Chefökonom des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Der schwache Dollar führe nämlich dazu, dass US-Konzerne auf den Weltmärkten immer stärker als Konkurrenten der Europäer auftreten - mit deutlich günstigeren Produkten aufgrund der schwächer werdenden US-Währung. Hinzu komme - und das werde laut Steinherr gerne vergessen - die deutlich verbesserte Wettbewerbsposition von Exporteuren aus China und Japan. Diese beiden Exportnationen richten ihre Währungen nämlich weitgehend nach dem Dollar aus - womit sie im Gleichschritt mit den Amerikanern gegenüber dem Euro abwerten und damit gegenüber europäischen Exporteuren im Vorteil sind. Minus 0,5 Prozentpunkte. Gegen Euro-Aufwertung

"Wenn die EZB nicht nur das Ziel der Geldwertstabilität zu erfüllen hätte, müsste sie die Zinsen senken", meint Steinherr im Gespräch mit der "Presse". Das Zeichen sollte ein klar sichtbares sein - darunter versteht der deutsche Ökonom eine Zinssenkung von zumindest 0,5 Prozentpunkten, allein um eine weitere Aufwertung des Euro zu verhindern s(siehe Grafik). Genau hier liegt das eingangs erwähnte Dilemma der europäischen Zentralbanker: Die EZB hat nämlich kein anderes Ziel, als den Wert des Euro möglichst stabil zu halten. Konkret soll die Teuerungsrate im Jahresschnitt nicht über der Grenze von zwei Prozent liegen. Aus gutem Grund: Hohe Inflationsraten schaden insbesondere ärmeren Bevölkerungsschichten. Hohe Inflation. Gegen die Vorgaben aus Frankfurt

Dummerweise hat sich die Inflationsrate in den vergangenen Wochen nicht sonderlich an die Vorgaben aus Frankfurt gehalten. Zuletzt lag sie bei ungewöhnlich hohen 3,1 Prozent. Hohe Teuerungsraten werden allerdings über steigende Zinsen eingedämmt. Wird Geld teurer, werden - vereinfacht ausgedrückt - Investitionen und Konsumausgaben gebremst. Bei hohen Zinsen steigt nämlich der Anreiz, Geld zu sparen anstatt zu verpulvern. Dadurch reduziert sich die umlaufende Geldmenge, wodurch sich der Inflationsdruck abschwächt. So gesehen müsste die EZB derzeit eher über steigende denn fallende Zinsen nachdenken. Die Zentralbanker wissen freilich, dass das kein Thema sein kann: Sie würden damit den sich andeutenden Abschwung beschleunigen. Sinkende Investitionen und Konsumausgaben wären im Moment Gift. "Das wäre das falsche Signal", meint auch IHS-Chef Bernhard Felderer. Er glaubt allerdings aufgrund der hohen Inflationsgefahr nicht, dass die EZB an der Zinsschraube drehen wird. Einmaleffekte. Inflation wird niedriger erwartet

Steinherr will das Argument, wonach hohe Teuerungsraten einer Zinssenkung entgegenstünden, so nicht stehen lassen. Die hohe Teuerung aus dem Vorjahr sei einer Reihe von Einmaleffekten zuzuschreiben. Konkret nennt er stark gestiegene Öl- und Nahrungsmittelpreise sowie die Anhebung der deutschen Mehrwertsteuer. Steinherr hält es zwar für möglich, dass die Ölpreise hoch bleiben, glaubt aber nicht, dass sie neuerlich so kräftig steigen werden wie 2007. Um die Inflation neuerlich so stark anzutreiben, müsste der Preis je Barrel auf 140 bis 150 Dollar anschwellen. In der Nahrungsmittelproduktion müssten sich ähnlich starke Missernten wiederholen, wovon nicht auszugehen sei.s Preistreiber. Hohe Lohnabschlüsse als Gefahr


Einig sind sich die beiden Ökonomen darin, dass hohe Lohnabschlüsse zum größten Preistreiber des laufenden Jahres werden könnten. Steinherr verweist dabei auf die neue Aggressivität der Gewerkschaften, hohe Abschlüsse durchzudrücken, wie die Lokführerstreiks in Deutschland gezeigt hätten
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.