Ein Paarlauf mit Respektabstand: „Tony Cragg Franz Xaver Messerschmidt“ in der Orangerie.
Sanft schraubt sie sich beim Umschreiten aus dem rasanten, meterhohen Gewinde, die Ahnung einer Nase, dort ein Mund vielleicht, hier ein Kinn. Ein Schritt weiter, schon sind die „humanoiden“ Formen wieder verschwunden im amorphen Wirbel, den der britische Bildhauer Tony Cragg 2003 nach Dutzenden Profilzeichnungen so schnittig aus dem Holz hat fräsen lassen. Das ausgefuchste Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung scheint Franz Xaver Messerschmidts auf Scheitelhöhe montierten „Schalksnarren“ prächtig zu amüsieren, und auch sein „Köpf-Stückh“ des „Erzbösewichts“ still in sich hinein prusten zu lassen.
„Out of sight“ heißt der Titel von Craggs scheinbar schwereloser Skulptur, die sich ganz zu Beginn der neuen Sonderausstellung in der Orangerie des Belvedere auftürmt. Programmatisch, könnte man meinen. Und doch begegnen sich gerade hier, in diesem parasitären, in einen historischen Baukörper eingezogenen weißen Schlauch Vergangenheit und Gegenwart, alte und neue Kunst so schlüssig wie höchst selten. Nämlich auf Augenhöhe, ohne großes Pathos, falsche Rücksichtnahme, Anbiederung oder gar zeitgenössische Vereinnahmung zur Polierung des kunsthistorischen Stammbaums.
Sehr klar, mit genügend Respektabstand aufgestellt und herrlich konzentriert auf 33 Werke und ein letztlich völlig simpel wirkendes Wechselspiel, wurde hier vom englischen Kurator Jon Wood ein Dialog zweier Künstler inszeniert, die sich über mehr als 200 Jahre hinweg überraschend viel zu sagen haben. Die inhaltlichen wie technischen Unterschiede zwischen den beiden spannen das Feld der Skulptur weit auf, schärfen den Blick und verführen ihn spielerisch zum Gleiten zwischen geschickt miteinander kombinierten Materialien und Farben wie auch zwischen Gegenstand und Abstraktion.
Stärker wohl als intendiert erkennt man in Craggs Werkserie der „rational beings“ plötzlich die zu Grunde liegenden menschlichen Züge. Stärker wohl als sonst fallen bei Messerschmidts berühmten „Charakterköpfen“ (alle nach 1770) irrationale Formen auf, etwa das beängstigend Sci-Fi-artige Wuchern rätselhafter Blasen unter der Kopfhaut einer Vierergruppe von Abgüssen des „schmerzhaft stark Verwundeten“. Als wenn gleich ein grausiges Alien ihrer Mitte entfleuchte.
Energien unter den Oberflächen
Sowohl den 1949 geborenen britischen Bildhauer, der seit Jahren im Wuppertal lebt, als auch Maria Theresias Hofbildhauer (1736–1783), der sich aufgrund einer psychischen Erkrankung nach Pressburg zurückzog, beschäftigen nach außen drängende Energien. Beim einen sind es Gesichter entstellende Affekte, beim anderen ist es der Wille zur totalen Künstlichkeit – um, wie Cragg gerne ausführt, die von Nützlichkeit bestimmte Welt um Unvorhersehbares zu bereichern.
In dieser Irritation des Alltäglichen treffen sich die beiden Werke hervorragend, in der ungeheuren formalen Exaltiertheit etwa von Messerschmidts „Zweitem Schnabelkopf“ und Craggs „Bent of Mind“-Turm. Oder seinen „Relatives“, menschlichen Profilen aus Gips, die wie unter extremer Vibration zu zerfließen scheinen, verzerrt und verzehrt in einem. Bis, wie bei „Mental Landscapes“, nur noch ein kleines, schockierend greifbares Ohr aus der wabernden Masse ragt. Der Künstler, ein „absichtlicher Schalksnarr“ eben.
Orangerie, Unteres Belvedere, Rennweg 6, bis 25.Mai, tägl. 10–18, Mi 10–21 Uhr
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2008)