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Hutterer: Wenn nur der Eigennutz nicht wär'...

(c) APA (Diözese Innsbruck)

Die Hutterer – eine Tiroler Täufer-Gemeinschaft – haben fast 500 Jahre überlebt. Bis heute, in Nordamerika.

Die Hutterer – die gibt es eigentlich gar nicht. Und sie hat es als einheitliche Gruppe auch nie gegeben, meint die Innsbrucker Historikerin Astrid von Schlachta: Innerhalb der Hutterer hat es seit ihrer Gründung vor annähernd 500 Jahren stets unterschiedliche Ausrichtungen gegeben. Umso erstaunlicher ist, dass es auch heute noch Hutterer gibt – und dass die Gemeinschaft sogar stark wächst. In den USA und in Kanada leben rund 40.000 Menschen nach den Idealen, die zu Beginn des 16.Jahrhunderts in Tirol begründet wurden.

Die Hutterer sind eine der vielen reformatorischen Täufer-Bewegungen, die sich in Opposition zur Römischen Kirche und zur „verderbten“ Welt gebildet haben. Die Ideen der Täufer – Erwachsenentaufe, Absonderung von der Welt – fielen vielerorts auf fruchtbaren Boden. Auch im Südtiroler Pustertal, auch bei Jakob Huter, der zum Führer einer Täufer-Gruppe wurde. Schon nach einigen Jahren wurde die Verfolgung durch die Obrigkeit zu stark, die Täufer wanderten ins religiös tolerantere Mähren aus.

Dort entfaltete sich eine der bestimmenden Wesenszüge der Hutterer: die Gütergemeinschaft. Auf einem Hof lebten im Schnitt 400 Personen zusammen, Frauen und Männer getrennt, Kleinkinder kamen mit eineinhalb Jahren in die „Kleine Schule“, später in die „Große Schule“. Arbeit und Rollen waren klar verteilt – und die Bruderhöfe waren damit höchst erfolgreich: Sie florierten dank solidem Handwerk. Und zwar so stark, dass bald ein Problem auftrat, das sich durch die gesamte Geschichte der Hutterer – bis heute – zieht: der Gegensatz zwischen Gütergemeinschaft und Individualisierung.

„Gottes Wort Wär Nit So Schwär, Wan Nur der Eigen Nutz Nit Wär“, zitiert von Schlachta in ihrem Buch „Die Hutterer zwischen Tirol und Amerika“ aus zeitgenössischen Quellen. Dazu kam, dass die religiöse Basis mit der Zeit Risse bekam.


„Feuer der ersten Liebe“

Die Forscherin beschreibt das als Problem der „Zweiten Generation“: Die Gründer hätten das „Feuer der ersten Liebe“ gehabt, die Weitergabe an Folge-Generationen sei weit schwieriger. Die Hutterer haben das jedenfalls geschafft, auch auf ihren weiteren erzwungenen Wanderungen nach Siebenbürgen, in die Ukraine und ab 1874 schließlich nach Nordamerika. Immer wieder gab es dabei Phasen des inneren Niederganges – mit der Aufgabe der beiden Kernelemente Erwachsenentaufe und Gütergemeinschaft –, gefolgt von Erneuerungen.

Ein einheitlicher Block waren die Höfe niemals, betont von Schlachta. Heftige Debatten und Abspaltungen prägten all die Jahrhunderte. Manche Höfe lebten in Gütergemeinschaft, andere mit Privateigentum. Kontakt hielten sie allerdings immer.

Die Frage, warum von den vielen Täufer-Gemeinschaften gerade die Hutterer – und neben ihnen auch die Mennoniten – die Zeiten überdauern konnten, kann von Schlachta auch nicht beantworten. Sie findet die Frage auch nicht so spannend. Viel nutzbringender sei nämlich die Frage, wie die Gemeinde immer wieder aus den Krisen herausgekommen ist. Die Forscherin meint, dass dabei der „identitätsstiftende Aspekt der Kultur für die Gemeinschaft“ nicht unterschätzt werden dürfe.

 

Astrid von Schlachta: Die Hutterer zwischen Tirol und Amerika.Eine Reise durch die Jahrhunderte. 240 S., brosch., 23 Euro
(Universitätsverlag Wagner Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2008)