Nobelpreisträger Phelps: „Die EZB sollte überhaupt nichts tun“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Laut Nobelpreisträger Edmund Phelps lässt sich die Bankenkrise nicht über niedrige Zinsen lösen.

Die Presse: Prominente Ökonomen meinen, die USA würden nicht in eine Rezession rutschen, sie steckten vielmehr mitten drinnen. Ist das so?

Edmund Phelps: Technisch gesehen sprechen wir von einer Rezession, wenn die Wirtschaftsleistung in zwei aufeinander folgenden Quartalen schrumpft. Deshalb kann derzeit niemand behaupten, dass die USA bereits in einer Rezession sind. Wir kennen noch nicht einmal die Daten aus dem vierten Quartal 2007 (die US-Wirtschaft wuchs im dritten Quartal auf das Jahr hochgerechnet mit 4,9 Prozent, Anm.). Die etwas höhere Arbeitslosigkeit (derzeit 5,0 Prozent, Anm.) lässt aber einen Abschwung vermuten.

Wird dieser mögliche Abschwung denn in eine Rezession münden?

Phelps: Es überraschte mich sehr, würde die US-Wirtschaftsleistung im ersten Quartal schrumpfen. Allerdings ist derzeit schwer zu beurteilen, wie sich die Finanzkrise wirtschaftlich auswirken wird. Man weiß ja nicht, welche Banken auf welchen Risken sitzen.

Die US-Notenbank dürfte heute die Leitzinsen neuerlich senken. Ist das die richtige Antwort?

Phelps: Von den Zinssenkungen der Fed bin ich nicht wirklich begeistert. Die US-Notenbank agiert derzeit hyperaktiv. Ich sehe weder rückläufige Investitionen noch massiv sinkende Konsumausgaben, die derart kräftige Zinssenkungen erklären würden. Der private Konsum war zuletzt alles andere als katastrophal. Das Problem derzeit ist der von der Bankenkrise ausgelöste Schock an den Finanzmärkten. Eine Zentralbank kann dieses Problem nicht lösen.

Politiker sehen die Lösung in einer stärkeren Regulierung der Banken.

Phelps: Auch da bin ich ein wenig skeptisch. Die derzeitige Bankenkrise ist ja nicht zuletzt eine Regulierungskrise. Es wäre sehr hilfreich gewesen, hätten die Regulatoren das Problem frühzeitig erkannt und uns vor sechs Monaten gewarnt. Das ist nicht passiert. Wichtig ist, dass sich in den Banken etwas ändert.

Was sollte sich in den Banken denn ändern?

Phelps: Bankangestellte erhalten in den USA Prämien, wenn sie Kredite vermitteln. Ungeachtet dessen, ob diese auch wirklich zurückgezahlt werden. Das ist das falsche Anreizsystem, das zur aktuellen Krise geführt hat.

Die EZB argumentiert, es fehle nicht an der nötigen Liquidität. Das hilft jenen Betrieben herzlich wenig, die derzeit von den Banken kein Geld bekommen, weil diese Angst haben, neuerlich Verluste einzufahren.

Phelps: Die Banken fürchten sich derzeit tatsächlich davor, neue Kredite zu vergeben. Weshalb viele Firmen auch Gefahr laufen, benötigte Gelder für Investitionen nicht mehr zu bekommen. Das könnte sich zu einem Angebotsschock am Kreditmarkt auswachsen. Nichtsdestotrotz kann dieses Problem nicht dadurch gelöst werden, dass die Zentralbanken die Zinsen künstlich niedrig halten. Vielmehr riskiert man damit einen Anstieg der Inflation.

Die Fed wird wohl nicht auf Sie hören und die Zinsen senken. Auch in Europa werden die Rufe nach billigerem Geld lauter. Sollte die EZB die Zinsen ebenfalls reduzieren?

Phelps: Die Europäische Zentralbank sollte derzeit gar nichts tun und die Leitzinsen unverändert lassen. Die Fed reagiert auf die Politik, die niedrigere Zinsen fordert. Dem sollte die EZB nicht folgen. Sie hat lange genug gebraucht, um sich ein gewisses Maß an Vertrauen aufzubauen.

Sinken die Zinsen in den USA weiter, dürfte noch mehr aus den USA abgezogen und in der Hochzins-Region Europa angelegt werden. Wodurch der Dollar weiter fallen wird, was Europas Exporteure schwächt.

Phelps: Zinsen sollten dann sinken, wenn es die wirtschaftliche Lage erfordert. Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Die europäische Wirtschaft läuft besser als jene der USA. Die Mission der EZB ist zudem klar: Sie hat auf die Eindämmung der Inflation zu achten. Man soll von der EZB auch nicht zu viel verlangen. Eine Zentralbank kann nicht die Inflation unter Kontrolle halten und Jobs schaffen. Die hohe Arbeitslosigkeit in Europa hat strukturelle Gründe.

Womit sich die Frage, ob Zentralbanken über ihre Politik Jobs schaffen können, eigentlich erübrigt.

Phelps: Richtig. Denn die Antwort wäre ein klares Nein. Marktkräfte lassen sich nicht über Geldpolitik steuern. Das funktioniert bestenfalls kurzfristig.

Wo sehen Sie denn die strukturellen Schwächen Europas?

Phelps: Eine der großen Schwächen der Europäer ist zweifellos, dass sie für den Kapitalismus nicht sonderlich viel übrig haben.

ZUR PERSON

Edmund S. Phelps wurde am 9. Oktober 2006 für seinen Beweis, dass sich eine niedrige Arbeitslosigkeit nicht mit einer hohen Inflationsrate erkaufen lässt, der Wirtschaftsnobelpreis zugesprochen. Die Arbeitslosigkeit hänge vielmehr vom Funktionieren des Arbeitsmarktes ab.

Damit zertrümmerte Phelps die Thesen des neuseeländischen Ökonomen A. W. Philips. Phelps hält sich dieser Tage in Wien auf, um eine Vorlesung am Hayek-Institut zu halten und auf Einladung von Novomatic-Chef Franz Wohlfahrt den Opernball zu besuchen.

Die Presse: Sie meinten unlängst in einem Interview, dass die Marktwirtschaft in Europa so populär sei wie die Nutzung der Kernkraft.

Edmund Phelps: Das ist von mir? Jedenfalls gefällt es mir. Eine stark ausgeprägte Unternehmerfeindlichkeit ist nicht zu übersehen. Es ist in Europa wesentlich höher angesehen, sein Geld als Künstler oder Beamter zu verdienen. In Frankreich ist es beispielsweise für junge Menschen das höchste der Gefühle, in der Bürokratie unterzukommen. In Italien raufen sich Juristen um Jobs in der Verwaltung.

Wie erklären Sie sich das? Genetische Gründe werden es ja nicht sein, dass kaum junge Menschen Unternehmer werden wollen...

Phelps: Viele Europäer sind schon sehr wohlhabend. Und deshalb sind sie nicht mehr so hungrig und sehen auch kaum einen Grund, viel Risiko zu nehmen.

Die Wirtschaft versucht das insofern zu beheben, als sie Beschäftigte am Unternehmen bzw. am Gewinn beteiligt werden.

Phelps: Warum lässt man einem innovativen Unternehmer, der sehr viel Risiko nimmt, nicht seinen Gewinn? Wenn ein Unternehmen hohe Gewinne schreibt, kommen die Gewerkschaften mit hohen Lohnforderungen. Das ist eine Form von Erpressung. Es gibt einen Markt für Arbeit – und dort sollte über die Höhe der Löhne entschieden werden, nicht in den Bilanzen der Unternehmen. Insofern ist es auch eine schlechte Idee, dass die Belegschaftsvertreter in den Aufsichtsräten von Firmen sitzen.

Warum ist das eine schlechte Idee?

Phelps: Weil Belegschaftsvertreter einem Interessenskonflikt ausgesetzt sind. Die Gewerkschaften versuchen, Arbeitsplätze zu halten. Unternehmer müssen hingegen expandieren und dynamisch bleiben. Dabei sollten sie von Belegschaftsvertretern nicht gehemmt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2008)


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