Extremsport ganz normal: Hundert Kilometer zum Frühstück

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Das Einfache war Sepp Resnik schon immer zu wenig. Derzeit bestreitet der 54-Jährige die „größte Expedition der Gegenwart“, wie er sie nennt: Er will innerhalb eines Jahres 100.000 Kilometer um die Erde radeln.

"Infolge jenes Irrtums gelten viele Menschen für ,normal‘, ja für sozial hochwertig, welche unheilbar verrückt sind, und umgekehrt werden manche für verrückt angesehen, welche Genies sind", schrieb Hermann Hesse im Steppenwolf. Im Laufe eines Jahres mit dem Fahrrad 100.000 Kilometer zurückzulegen, mag vielen verrückt erscheinen – nicht jedoch Sepp Resnik, der findet das ganz normal.

Denn, sagt der 54-Jährige, er brauche sich oder der Welt doch nichts mehr beweisen. Für ihn sei das Abenteuer, das er „Friendship-Tour“ nennt, vielmehr die „größte Expedition der Gegenwart“.

Dreimal hat er die Erde mit dem Fahrrad schon umrundet. 1994 benötigte er wie Jules Vernes Protagonisten 80 Tage, 1996 dann 66, 2003 schließlich 65 Tage. Warum aber diesen Wahnsinn ein viertes Mal unternehmen? Resnik streicht mit der tätowierten linken Hand über seinen Rübezahl-Bart. Es gebe so viele Straßen, die er noch nicht befahren, niemanden, der sich bislang der Herausforderung gestellt habe, in einem Jahr 100.000 km zu radeln. Bevor er ansetzt, um von einsamen Kilometern und herzlichen Begegnungen mit Menschen und Kulturen zu schwärmen, gelingt es, Resnik ein Wort über seine Mission zu entringen: Geld zu sammeln für das Friendship-Camp des Jugendrotkreuz in Langenlois für Jugendliche aus aller Welt.

300 Kilometer legt er jeden Tag zurück: 100 von Mitternacht bis zum Frühstück, weitere 100 bis Mittag, die restlichen vor dem Abendessen. Zwölf Stunden sitzt er täglich am Sattel, bei 25 km/h Schnitt, egal ob auf Asphalt oder Schotter. Mittel-, Süd- und Südosteuropa, Russland, die Türkei und Australien hat er seit seinem Start im vergangenen Juni beim Wiener Donauinselfest abgegrast. 48.000 km sollen das gewesen sein. Weil ihm die Behörden eine Überfahrt nach Afrika verwehrten, wie er erzählt, geht es nach einem Stop-Over in Wien in Amerika weiter.

High-Tech und Braunschweiger

Auf jeder Etappe hat er jeweils nur einen Begleiter, der ihn im VW-Bus eskortiert und auch seine Räder serviciert. Drei Bikes für die Straße und für Off-Road führt er mit, „High-Tech-Geräte von KTM“, sagt er, „die 15.000 Euro wert sind.“ Erst dreimal habe er einen Patschen gehabt. Beim Material liebt Resnik Modernes, bei der Ernährung ist er konservativ. Als er von Linz westwärts fuhr, begleitete ihn ein Nachwuchs-Radtalent. Bei der Jause packte der junge Radler Kraftriegel und isotonische Getränke aus. „Ich weiß nicht was du isst“, kommentierte Resnik ungläubige Blicke, „aber ich nehme Braunschweiger, Brot und ein Bier dazu.“

Das Einfache war Resnik immer zu wenig, das Extreme, sich selbst in den Grenzbereich zu treiben, lockt ihn. Als erster Österreicher startete er beim Ironman in Hawaii. Nach dem dritten Mal reichte die Dosis nicht mehr. Er bestritt Double- und Triple-Triathlons, ehe er 1988 in Grenoble startete: Resnik kam nach 13 km Schwimmen, 540 km am Rad, 126 km Laufen als Siebenter ins Ziel – nach 59 Stunden.

Gnade, Tod und Münchhausen

„Beim Rad fahren bin ich zu 70 Prozent damit beschäftigt, alle Eindrücke zu verarbeiten“, sagt Resnik. „Ich bin politisch interessiert, sehe alles dreidimensional.“ Die restlichen 30 Prozent nutze er, um Negatives aufzuarbeiten. Wie den Tod seines Vaters, der im Vorjahr starb.

Oft verwendet er das Wort „Gnade“. Wenn er davon spricht, in seinem Alter noch so leistungsfähig zu sein, oder davon, dass er die bisherigen Etappen überlebt hat. Über einen australischen Radprofi, der ihn viele Kilometer begleitet hatte, erfuhr er aus der Zeitung, dass er Opfer eines tödlichen Verkehrsunfalls geworden war. So wie ein Vater-Sohn-Gespann, das in Italien mit ihm geradelt war.

Was Resnik erzählt, seine Biografie und seine Rekordliste lesen sich wie eine moderne Münchhausiade. Bloß, all das ist nicht erfunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2008)

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