Hilfe, in meinem Glas ist ein Molekül, das Oliver Cromwells Harnblase durchlaufen hat!
Lebende Erdwürmer, ein angebrütetes Truthahnei, einen Krokodilpenis usw. musste Ross Anthony, ehemals Sänger der deutschen Hitband „Bro'Sis“, öffentlich essen, und zwar alles „nacheinander“, wie ein TV-Chronist in seinem Bericht über eine RTL-„Dschungelshow“ ausdrücklich vermerkt. Wobei ich mich erstens frage, inwieweit das „nacheinander“ verschärfend wirkt: Wären all diese Bio-Spezialitäten in der innigen Form eines mehrfach aufgekochten Gulaschs bekömmlicher?
Zweitens erinnert mich dieser Bericht an die alte Anekdote über einen Wiener Gymnasialprofessor, dem seine Schüler der Gaudi halber einen Gegenstand auf den Tisch platzierten, über dessen wahre Natur die Erzähltraditionen uneins sind, der aber zumindest den Schülern ziemlich ekelhaft vorkam. Der Pädagoge reagierte ungerührt: „Herrschaften, i bin a Biolog', mir graust vor nix.“
Das Ausmaß des Ekels ist also durchaus vom Berufsstand abhängig. Ein „Dschungelkönig“-Aspirant bei RTL muss da z.B. eher cool sein. Und einem Fleischhauer darf vor der Blutwurst nicht grausen, auch wenn er über ihre Genese detailliert Bescheid weiß. Der zartfühlende Konsument dagegen sieht über diese gern hinweg. Es sei denn, er wird darauf jäh hingewiesen, etwa, wenn der Verkäufer, der die Wurst schneidet, sich in den Finger schneidet und sein Blut über den Aufschnitt vergießt. Das ist mir einst als Ferialpraktikant einer Greißlerei passiert, und ich war doch etwas perplex, als die Kundin, eine mondäne Dame, auf mein Unglück nur pikiert reagierte: „Aber das Blut lassen S' mir ja nicht auf der Wurst, gell!“
Vor meinem frischen Blut ekelte ihr ganz offensichtlich mehr als vor dem gestockten Blut einer Sau. Ob sie eine „Eigenblutwurst“ (fabriziert aus ihrem eigenen, ihr zu diesem Behufe abgezapften Blut) nach der Anleitung der Wiener Künstlergruppe „monochrom“ lieber gegessen hätte?
Wie unzuverlässig die Grenze zwischen „Selbst“ und „Fremd“ für das Zustandekommen von Ekelgefühlen ist, illustriert ein simples Experiment: Man spucke in ein Glas, warte zehn Sekunden und setze dann an, daraus zu trinken. Ein leichtes Grausen wird sich einstellen – obwohl man den eigenen Speichel sonst mehrmals in der Stunde völlig ungerührt schluckt.
So biologisch ableitbar das Gefühl des Ekels und seine einzigartige körperliche Direktheit sind, so unvernünftig äußert es sich oft. „Jedes Mal, wenn wir ein Glas Wasser trinken, bestehen gute Chancen, dass wir dabei ein Molekül zu uns nehmen, das einmal die Harnblase von Oliver Cromwell durchlaufen hat“, schreibt Richard Dawkins im Buch „Der Gotteswahn“. Er hat wohl Recht. Aber ich kann mir nicht helfen, jedes Mal, wenn ich diesen Satz lese, graust mir ein bisschen. Wahrscheinlich, weil ich die Vorstellung nicht abschütteln kann, dass ein Wasser-Molekül irgendeine Aura von all den Harnblasen (und anderen unreinen und unfeinen Plätzen), die es durchlaufen hat, mit sich trägt.
Das tut es natürlich nicht. Keinem unschuldigen Molekül haftet etwas Ekliges an, es hat keine Erinnerung (auch wenn die Homöopathen dergleichen behaupten). Außerdem, liebe Leser, sind wir alle Sternenstaub, gebaut aus den Atomen, die einst eine Supernova ausgespien hat. Und vor der graust uns nicht, oder?
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2008)