"Fed betreibt schon zu lang Politik des billigen Geldes"

(c) EPA (Matthew Cavanaugh)
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Die US-Notenbank Fed hat den Leitzins binnen acht Tagen um 1,25 Punkte auf drei Prozent gesenkt. Dieser radikale Eingriff schürt Ängst und Hoffnungen zugleich.

Die US-Notenbank Fed hat die Forderungen der Finanzmärkte erfüllt: Sie senkte am Mittwoch den Leitzins für die USA wie erwartet um weitere 50 Basispunkte auf drei Prozent und ließ zudem die Tür für abermalige Zinsschritte nach unten offen.

Die Risiken für eine weitere Abschwächung des Wachstums in den Vereinigten Staaten blieben wegen der Hypotheken- und Finanzkrise hoch, begründete die Fed den Schritt. Die Märkte seien nach wie vor nennenswerten Belastungen ausgesetzt. Die Entscheidung solle das Wachstum stimulieren.

Aufatmen an der Wall Street


Sinkende Zinsen verbilligen Kredite für Unternehmen und Haushalte und kurbeln so die Konjunktur in der Regel an. Die Fed stellte klar, dass sie im Bedarfsfall zu einer weiteren Lockerung der Geldpolitik bereit ist.

An den Börsen sorgte die zweite Zinssenkung der Notenbank innerhalb von nur acht Tagen für Aufatmen. An der New Yorker Wall Street drehten die wichtigsten Indizes ins Plus. An den Terminmärkten signalisierten die Futures eine weitere Zinssenkung Mitte März. Die Wahrscheinlichkeit einer Senkung um dann 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent wurde mit 62 Prozent taxiert.

"Fed nimmt Heft des Handelns in die Hand"

US-Analysten lobten den Schritt der Währungshüter um Fed-Chef Ben Bernanke: "Sie sind nicht im Panik-Modus. Sie schauen auf die Realwirtschaft, und was die braucht sind niedrigere Zinsen", sagte Währungsstratege Ken Landon von JP Morgan Chase in New York.

Jeff Kleintop, Stratege bei LPL Financial in Boston meinte: "Die Fed demonstriert, dass sie das Heft des Handelns wieder in der Hand hat. Sie versucht mit dem wichtigsten Hebel die Folgen der Immobilienkrise abzumildern. Es sieht so aus, dass Bernanke glaubt, mit dieser Aktion ist die Gefahr einer tiefen Rezession zumindest erst einmal vom Tisch."

"Politik des billigen Geldes"

Nicht alle halten den massiven Eingriff in den Konjunkturzyklus für richtig. "Die Fed betreibt schon zu lange eine Politik des billigen Geldes", kritisiert Marvin Goodfriend, ein früherer Berater des Fed-Ablegers aus Richmond. Die Wirtschaft müsse sich nun selbst heilen. Er ist der Ansicht, dass die US-Wirtschaft ein kurzzeitiges Einknicken aushalten würde.

"Kurzfristig mag die Zinssenkung helfen, vor allem die Börsenkurse zu stabilisieren", sagte der Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI, Thomas Straubhaar im Deutschlandfunk. "Mittel- und längerfristig ist das keine gute Lösung." Denn so würden die "Wirtschaft mit zu billigem Geld versorgt" und die Fehler wiederholt, die zur Immobilienblase geführt hätten, die nun geplatzt sei.

Greenspan schuf Basis für Immokrise

Zwar ist das billige Geld ein Segen für Konjunktur und Börse: Banken bekommen günstiger Geld, Unternehmen erhalten Kredite zu besseren Konditionen. Konsum und Konjunktur werden angekurbelt. Auch an der Börse steigen tendenziell die Kurse.

Andererseits bergen Leitzinssenkungen auch erhebliche Risiken. So senkte der ehemalige Fed-Chef Greenspan 2001 elfmal die Zinsen: von 6,5 auf schließlich nur noch 1,75 Prozent. Die durch 9/11 und dem Platzen der Dotcom-Blase gebeutelte US-Wirtschaft bewahrte er damit vor dem Absturz.

Die Kehrseite: Das Geld wurde so billig, dass US-Bürger Kredite erhielten, die nie welche hätten bekommen dürfen. "Den Leichtsinn der Banken kann man Greenspan zwar nicht anlasten", sagt Michael Schröder, Experte für internationale Finanzmärkte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). "Zumindest aber hat sie das billige Geld in Versuchung geführt, riskante Kredite zu vergeben", so Schröder laut "Spiegel Online".

Greenspan hat mit seiner Niedrigzinspolitik zumindest die Grundlage für die Immobilienkrise geschaffen. Dass der jetzige Fed-Chef Ben Bernanke nun versucht, das Problem erneut mit Leitzinssenkungen zu bekämpfen, erscheint Experten riskant.

"Zinssenkung riskant"

Anna Schwarz, 92-jährige Ökonomin des National Bureau Of Economic Research in New York, geht noch weiter. Sie wirft der US-Notenbank völliges Versagen vor: "Die Fed versäumte, die offensichtliche Probleme anzugehen", sagte sie dem "Spiegel".

Auch Deutsche Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter kritisiert die Geldpolitik der US-Notenbank. "Die jüngsten Konjunkturdaten signalisieren keine Rezession in den USA", sagte er der Berliner Zeitung. Gerechtfertigt wären Zinssenkungen aus seiner Sicht nur, wenn "die Rezession da und die Inflation weg ist", sagte Walter. Dies sei aber nicht der Fall. Die Zinssenkung der Fed sei riskant, denn sie habe große Nebenwirkungen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) werde der Fed nicht schnell folgen, erwartet Walter. "Für die EZB werden Zinssenkungen erst gegen Ende dieses Jahres ein Thema." (Ag./Red.)


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