Esther Stocker: Die Störung im System

(c) Mumok
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Ester Stocker hat die "Factory" in ihr perfides Rasterdenken eingebaut. Das Mumok zeigt bis 6. April Stockers Installation "geometrisch betrachtet".

Es ist ja nicht so, dass man nicht wüsste, worauf man sich einlässt, wenn man in Richtung einer Ausstellung von Esther Stocker schlendert. Spätestens seit sie seit Ende der 90er-Jahre in der Galerie Krobath Wimmer ausstellt, allerspätestens seit sie 2004 den Otto Mauer Preis bekommen hat, kennt man das künstlerische System der 1974 geborenen Südtirolerin, die noch immer so unglaublich nach Schneewittchen aussieht.

Besser gesagt, man kennt ihre Systeme, ihre „guten“, weil nie unmenschlich geschlossenen, immer irgendwie irritierten: Mit Klebestreifen und den beiden Nichtfarben entwickelte sie aus schwarzen, weißen, grauen geometrischen Formen kleinteilige Raster, die sie dann mit schon bewundernswertem Variationsreichtum immer wieder anders zu stören liebt. Oder stören muss.

Denn langsam wirken die strengen hermetischen Konstruktionen etwas zwanghaft, jedenfalls sind sie bestens erprobt: in Dutzenden, extrem schönen Gemälden, die neuesten sind gerade in ihrer Wiener Galerie zu sehen; in Wandzeichnungen wie etwa in einem Durchgang des Museumsquartiers oder mit hie und da erschlaffenden schwarzen Klebestreifen im Stiegenaufgang des Essl-Museums; in einem Spannteppich für das Pressefoyer der Art-Forum-Kunstmesse in Berlin. Oder als perfekte 3-D-Version ihrer Bildwelt voriges Jahr in der Galerie im Taxis Palais in Innsbruck.

Und jetzt also die Mumok-Factory. Etwas ratlos hat man dieses neue alte Stocker-System betreten, sich durch eine Armada weißer, schulterhoher Holzstelen geschlängelt, die aus Decke, Wänden und Boden sprießen, und ein Eck des schwarz ausgemalten Raumschlauchs besetzt. Hier überblickt man alles und jeden, der diese Bühne ebenfalls betreten hat. Gefangen und doch bewegungsfrei – eine zeitlose Metapher des Menschenlebens, die sich wohl jede Generation selbst schaffen muss.

Tradition plus Feminismus ist Zeitgeist

Stocker tut das mit Mitteln, die sich herrlich aus der kunstgeschichtlichen Tradition ableiten lassen, sogar aus einer Wiener Tradition, unterstützt vom Wissen über den Konstruktivismus an sich und die Op Art etwa einer Helga Philipp im Speziellen. Ein einerseits sehr konservativer, andererseits unterschwellig fast feministischer Zugang. Und genau diese Mischung ist es, die Stockers Kunst den Zeitgeist verleiht, den sie dringend braucht, um sich heutig nennen zu dürfen. Trotzdem, so langsam hofft man dennoch auch einmal auf etwas ganz anderes. Oder zumindest auf eine gröbere Störung des Systems des Systems Stockers.

ZU AUSSTELLUNG UND PERSON

Esther Stocker, 1974 in Schlanders, Südtirol geboren, studierte bei Eva Schlegel. erhielt 2004 den Msgr. Otto Mauer Preis.

Das Mumok zeigt bis 6.April Stockers Installation „geometrisch betrachtet“. Die Galerie „Krobath Wimmer“ präsentiert bis 5.März neue Bilder, Eschenbachg. 9, Wien 1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2008)

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