„Jetzt sitze ich da und warte auf meine Pension, die letzte Zahlung habe ich vor drei Monaten bekommen.“ Ukraine: Besuch bei der Familie eines ehemaligen Fabriksdirektors.
Den Namen Rudolf hat sein Vater aus Wien mitgebracht, er hat dort studiert, Pharmazie. Rudolf hieß der kaiserliche Thronfolger mitden traurigen Augen, der sich angeblich wegen einer unglücklichen Affäre das Leben nahm, gemeinsam mit seiner Geliebten, wie die Zeitungen schrieben. In Galizien ging das Gerücht um, der Sohn des alten Kaisers sei gar nicht tot, es handle sich um ein abgekartetes Spiel, man habe eine Wachspuppe in den Sarg gelegt, dem Kaisersohn zum Verwechseln ähnlich, und diese begraben. Der Thronfolger sei vom gestrengen Vater wegen seines Lebenswandels aus Österreich verbannt und nach Brasilien geschickt worden, wo er selber zum Kaiser gemacht wurde, weil man dort gerade einen brauchte. Da das ferne Reich groß war und dünn besiedelt, habe Rudolf seine treuesten Anhänger, die Ruthenen, wie man im Habsburgerreich die Ukrainer nannte, aufgefordert, ihm nach Brasilien zu folgen, wo sie Ackerland bekämen, so viel sie wollten. Die Eltern von Rudolf Schwarz taten diese Geschichten als Ammenmärchen ab, benannten jedoch ihren Sohn nach dem unglücklichen Thronfolger.
„Ich bekam den Namen eines kaiserlichen Selbstmörders“, sagt Schwarz lachend, er sitzt am Tisch seines Wohnzimmers. Auf dem Tisch liegt eine gestickte Decke mit Kaffeeflecken. Trotz seiner80 Jahre wirkt mein Gegenüber kräftig, massig, die Brust breit, die faltige Haut bedeckt von gekräuselten Haaren. Er trägt eine ausgebeulteTrainingshose, an denFüßen Plastiksandalen.Neben dem Wohnzimmertisch hat RudolfSchwarz einen alten Pappkoffer ohne Deckel stehen, in dem piepsende Küken wuseln. Über dem offenen Koffer liegen zwei Roste von einem Backrohr oder einem ausgedienten Kühlschrank, damit die gefiederten Bälle nicht aus ihrem Gefängnis entspringen können.
Im Garten hinter dem Haus baut er mit seiner Frau alles an, was sie brauchen, Kartoffeln, Zwiebeln, Rüben, bób, Pferdebohnen, Erbsen, ein wenig Salat, pomidory, Paradeiser. Ohne eigenes Gemüse kämen sienicht zurecht, zwar bekommt man heute in der Ukraine alles zu kaufen, Importwaren, bunte Verpackungen, fremde Namen, aber wer kann sich das leisten? Nur die Macher, die Gangster, die Politiker, die sich wieder, so wie früher, schamlos die Taschen füllen.
Rudolf Schwarz macht eine wegwerfende Handbewegung und reibt sich über die Brust. Seine Frau geht mit gesenktem Blick durchs Zimmer. Sie ist eine Moskalka, eine Russin, die er von drüben mitgebracht hat, aus Russland, aber sie hat sich gut eingelebt hier, sagt er anerkennend, während sie sich an einem Schrank zu schaffen macht. Sie legt ein sauberes Tischtuch auf. Wir unterhalten uns polnisch. Sein Wortschatz ist altmodisch, manchmal muss er nach einem Begriff suchen, mit der Frau spricht er russisch. Durch die offene Tür sieht man ins Schlafzimmer, neben dem ungemachtenEhebett stapeln sich prall gefüllte Jutesäcke. „Mehl, Zucker, Kascha“, Mais, sagt Rudolf Schwarz stolz. Auf dem obersten Sack lauert, aufgespannt, eine rostige Mausefalle.
Das Wappen von Borschtschiv zeigt einhalbkreisförmiges Bündel schwerer Kornähren, Symbol einstigen landwirtschaftlichen Überflusses. Borschtschiv liegt in der podolischen Hochebene in der westlichen Ukraine, am Ufer des Flüsschens Nitschlawa, eines Zubringers des Dnjistr. 1939 setzte der Niedergang ein. Er begann mit den Sowjets, dannkamen die Hitlerdeutschen, schließlich wieder die Sowjets. DerGroßgrundbesitz wurdeenteignet, viele Gutsherren, meist polnische Adelige, wurden zu den „weißen Bären“ geschickt, wie man die sibirische Eiswüste nannte, aus der nur ein paar Glückliche zurückkehrten, die deutschen Besatzer pressten aus dem Land, was sie nur konnten, die sowjetische Kollektivierung nach 1945 besorgte den Rest. Von all diesen Katastrophen erholt sich das Land nur langsam.
Rudolf Schwarz und seine Frau, er nennt sie immer nur seine Frau, sagt nie ihren Namen, halten Hühner, Hasen, Bienen, einen Teil der Produkte essen sie selber, das meiste verkaufen oder tauschen sie. Die Tochter, sie wohnt in der Nähe, verdient so wenig, dass es nicht zum Leben reicht, ihr Mann ist seit Jahren arbeitslos. Was würden sie ohne Garten anfangen? Verhungern müssten sie. Elend krepieren.
Der alte Mann erhebt sich schwer atmend und geht mit schlurfenden Schritten zu ei- ner Rundbaukredenz, auf der, neben einem großen Fernseher der Marke „Kiew“, eine Plastikschüssel mit Futter für die Küken steht. Er streut geschrotete Maiskörner in den Koffer. Das Piepsen schwillt zu einem durchdringenden Ton an, man hört die winzigen Klauen hastig über den Kofferboden scharren. Rudolf Schwarz macht sich nichts aus Hühnerfleisch, aber er hat jemanden, den er aufziehen kann, das bereitet ihm Freude.Er lächelt zärtlich auf seine Schützlinge hinab. Auf dem rechten Auge ist er halb blind. Manchmal spricht er mit den Küken, erzählt ihnen, was ihm durch den Kopf geht. Erinnerungen. An frühere, bessere Zeiten. Seine Frau sagt, manchmal singe er ihnen etwas vor, dabei könne er gar nicht singen.
Sein Vater besaß vor dem großen Krieg eine Apotheke in Borschtschiv, er war ein angesehener Mann, zu dem die Menschen mit allen möglichen Sorgen und Anliegen kamen, mit Krankheiten, Amtsschreiben,um kleine Darlehen, er hatte offene Taschen und unterstützte, wen er nur konnte. Juden, Ukrainer, Polen, er machte keinen Unterschied. Die Juden gingen entweder zum Rabbi, um sich Rat zu holen, oder zum Apotheker. Obwohl sie wussten, dass er ein Ungläubiger war. Nur ein paar wirklich Fromme, Chassidim, spuckten vor dem Vater aus, wenn sie ihm auf der Straße begegneten. Die Deutschen verehrte er stets als große Kulturnation, er las Goethe und Schiller im Original und abonnierte die Wiener „Neue Freie Presse“, wenn er sie abends las, mussten sich die Kinder still verhalten. Rudolf Schwarz selber glaubt auch nicht an den Gott seines Volkes, er glaubt an gar keinen Gott, an keine heiligen Bücher. Das sind nur Geschichten, mit denen man den Leuten Angst einjagen will, damit sie sich nicht auflehnen gegen ihr Schicksal. Schwarz hat sich nie an die Regeln der jüdischen Religion gehalten, schon als Junge ging er meist ohne czapka, ohne Mütze.
„Einmal, es war Schabbes, gehe ich über den Ringplatz, wie immer ohne czapka, da kommt mir der Rabbi entgegen, hält mich an und fragt streng: ,Warum gehst du ohne Mütze, wie ein Goi? Wenn Gott dich ohne Mütze sieht, packt ihn der heilige Zorn, und er wirft Steine vom Himmel, dir auf den Kopf.‘ Da bekomme ich es mit der Angst zu tun und laufe nach Hause, dicht an den Hausmauern entlang, damit mich Gott mit den Steinen nicht erwischen kann. Zu Haus krieche ich unter den Tisch, dort fühle ich mich vor seinen Steinwürfen sicher. Da kommt mein Vater ins Zimmer. Als er mich unterm Tisch hocken sieht, fragt er, was ich dort mache. Ich erzähle ihm die Geschichte mit der Mütze und den Steinen, die mir Gott an den Kopf werfen will. Darauf wird er wütend, zerrt mich an den Ohren unterm Tisch hervor und versetzt mir ein paar Ohrfeigen. Als ich am nächsten Tag, diesmal vorsichtshalber mit czapka, über den Ringplatz gehe, hält mich vor der katholischen Kirche eine Gruppe polnischer Jungen an, die ich flüchtig kenne, alle größer als ich. ,Warum nimmst du vor der Kirche die Mütze nicht ab, jüdisches Schwein, verfluchte Krätze?!‘ Und oh- ne auf meine Antwort zu warten, versetzen sie mir eine ordentliche Tracht Prügel. Seit damals bin ich mit der Religion fertig. Ich habe nie herausgefunden, welcher Gott stärker ist, ihrer oder unserer, und heute interessiert mich das nicht mehr.“
Seine Frau bringt eine SchüsselPierogi aus der Küche. Polnische Pierogi. Rudolf Schwarz hat ihr gezeigt, wie man polnische Pierogi zubereitet, die sind anders als russische oder ukrainische. Einige sind gefüllt mit Kartoffeln, andere mit Kraut und Pilzen. Die hat er selber in den Wäldern um Borschtschiv gesammelt. Im Schlafzimmer hängen Schnüre mit getrockneten Pilzen, wie riesige Rosenkränze. Die Frau holt einen,ich muss an den verschrumpelten braunen Pilzscheiben riechen. Zu den Pierogi gibt es Tee und Wodka, die Flasche ist beschlagen wie eine Windschutzscheibe an einem frostigen Morgen. Direkt aus dem Eisfach. Rudolf Schwarz war früher Direktor einer Zuckerfabrik. Die steht heute still. Ob man sie wieder in Betrieb setzen wird? Er wiegt zweifelnd den Kopf. Heute wird alles aus Polen importiert. Dabei ist die Ukraine ein reiches Land. Warum kann sie nicht alles selber produzieren, Nahrungsmittel, Kleidung, Geräte? Weil man den Menschen die Achtung vor ehrlicher Arbeit ausgetrieben hat. Man hat sie zu Faulenzern gemacht, zu Tagedieben, zu Säufern, die herumlungern und die Frau prügeln, wenn sie kein Geld nach Hause bringt. Eine Schande ist das. Er schenkt Wodka ein. 50 Gramm. Er leert das Glas auf einen Zug, setzt es mit einem Seufzer ab und trinkt einen Schluck Tee nach.
Er hat 15 Jahre lang in Kolchosen gearbeitet, als natschalnik, Leiter, Direktor, in sechs verschiedenen Betrieben, einmal hier, dann da. Von der Kolchose wurde er in die Zuckerfabrik geschickt, wieder als natschalnik.Dort ging es drunter und drüber, ein Saustall, jeder raffte, was er nur konnte. Rudolf Schwarz versuchte Ordnung zu machen, er erhielt zahlreiche Anerkennungsschreiben undAuszeichnungen. Auchim großen Krieg. Als die Deutschen im ehemaligen Ostgalizien einmarschierten, das im September 1939 der Sowjetunion zugeschlagenworden war, schloss er sich den zurückweichenden sowjetischen Truppen an. Vor den Deutschen wurden Teile Podoliens, auch Borschtschiv, von den Ungarn besetzt, Verbündeten der Deutschen, die ersten ungarischen Truppen kamen auf Fahrrädern, sie plünderten wild, unorganisiert, doch sonst ließen sie die Juden ungeschoren, als sechs Wochen später die Deutschen die Herrschaft übernahmen, änderte sich das schlagartig. Da war Rudolf Schwarz schon weg, seine Eltern blieben zurück. Später kämpfte er mit der Roten Armee gegen die Faschisten, er marschierte durch Polen bis nach Berlin.
Er steht auf und geht zum Bücherschrank, um ein Foto zu holen, das ihn in Uniform zeigt, Auszeichnungen auf der breiten Brust, Ordensbänder, das selbstsichere Lächeln und die schief sitzende Mütze mit dem fünfzackigen Stern verleihen ihm ein draufgängerisches Aussehen. Ein fescher Mann, sagt seine Frau und lacht glucksend. Im Bücherschrank stehen Werke in russischer Sprache, auch solche jüdischer Dichter, Scholem Alejchem, Izchak Lejb Perez, Izig Manger, daneben ein Band mit Goethes Werken in Deutsch. Rudolf Schwarz hat das polnische Gymnasium in Borschtschiv besucht, das vermittelte noch echte Bildung, Latein und natürlich Deutsch, Schiller und Goethe. Er zitiert, stockend zwar und mit Akzent:
„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind,
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.“
Die Schwarz waren eine aufgeklärte Familie, völlig assimiliert, polonisiert. Sein Vater wurde zornig, wenneines der Kinder ein jiddisches Wort mit nachHause brachte. DieSchwarz hatten einukrainisches Hausmädchen, aus einem Dorf in der Nähe, das den Kindern schöne Volkslieder beibrachte. Oksana hieß das Mädchen. Es warnicht ungewöhnlich,dass jemand Jiddisch,Hebräisch, Polnisch, Ukrainisch und Deutsch sprach, und wenn man ihn fragte, ob er eine Fremdsprache beherrsche, verneinte er das bedauernd.
In Borschtschiv lebten vor dem Krieg viele Juden, rund ein Viertel der Einwohner, es war keine reiche Stadt, doch man konnte leben wie ein Mensch, wie es hieß, man war mit dem zufrieden, was man hatte. Es gab eine große Tabakfabrik, und jüdische Intellektuelle gründeten eine Lesehalle, die Czytelnia, mit jiddischen, polnischen, deutschen und hebräischen Büchern. Die Ukrainer hatten ihre eigene Lesestube, die Proswyta. Es wurden Lesungen und Vorträge über alle möglichen Themen abgehalten, Wissenschaft, Literatur, Geschichte, oft kamen Gäste aus Lemberg oder Czernowitz. Es gab auch jüdische politische Organisationen und Gruppen, die einander heftig bekämpften, Rechte, Zionisten, Sozialisten, Kommunisten...Betar, Gordonia, Haschomer Hazair, Ha Noar Hazion und wie sie alle hießen, viele Jugendliche schlossen sich den Zionisten an, besuchten landwirtschaftliche Kurse, lernten Hebräisch und Kühe melken, einige fuhren noch vor Ausbruch des Krieges nach Palästina.
Seit den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts sahen die armen Menschen in den ostgalizischen Dörfern und Schtetln in der Emigration den einzigen Ausweg, um der Not zu entkommen. In Amerika, in Kanada, in Brasilien, überall war es besser als zu Hause, dort ist die Nacht besser als hier der Tag, hieß es. Das Land wurde von einem regelrechten Auswanderungsfieber erfasst, das anschwoll, wieder abebbte, neuerlich anschwoll. Juden und Ukrainer, Händler, Handwerker, Arbeiter, Taglöhner, kleineBauern und landlose Feldarbeiter träumten vom großen Glück in den Vereinigten Staaten, von Ländereien in Brasilien, von gro-
ßen Plantagen, obwohl keiner wusste, was eine Plantage ist. In jeder Stadt, jedem Dorf gab es Auswanderungsagenten, im Dienstvon Schifffahrtslinien,die Auswanderer anwarben, sie versprachen ihnen das Blaue vom Himmel herunter, jeder, der hinüberfahre, bekomme eigenes Land, so viel er wolle. Oft residierten die Agenten in kleinen Läden, in dreckigen Hinterzimmern, dennochglaubten viele einfache Menschen, Analphabeten zumeist, den fantastischen Versprechen, sie hatten nichts zu verlieren, was besaßen sie schon, eine Kuh, eine schäbige Hütte, eine Schar hungriger Kinder.
Auch aus Borschtschiv gingen viele nach drüben, Rudolf Schwarz erinnert sich an Freunde und Nachbarn, die von einem Tag auf den anderen alles verkauften und ihr Bündel schnürten. Sie fuhren mit dem Zug nach Hamburg oder nach Bremen und von dort mit dem Schiff über den Ozean. Später kamen Briefe, die von den Zurückgebliebenen stolz herumgezeigt wurden. Mit amerikanischen Marken auf dem Kuvert. Manchmal schickten die Auswanderer Geld, Rudolf Schwarz weiß noch, wie sie als Kinder ehrfürchtig die großen Dollarscheine betrachteten, die waren damals größer als heute. Ein amerikanischer Dollar war ein Vermögen. Wenn die Scheine zerknittert waren, bügelten die Frauen sie sorgfältig, unter Seidenpapier, um sie nicht zu versengen, ehe sie das Geld unter der Wäsche versteckten.
Manchmal kamen Leute aus Übersee zurück, die nannte man „Amerikaner“, die Männer trugen ungewöhnliche Hüte. Die meisten Rückkehrer berichteten, wie gut es ihnen drüben ergangen sei, Rudolf Schwarz' Vater lachte bei diesen Erzählungen nur und fragte, warum sie nicht drüben geblieben seien, wenn dort alles so wunderbar sei. Dann waren sie still. Auch in Amerika musste man arbeiten, auch dort wurde einem nichts geschenkt, cudów nie ma, Wunder gibt es keine. Manche Rückkehrer brachten goldene Dollar mit, Goldmünzen konnten einem später das Leben retten, in der Zeit derdeutschen Okkupation,die ukrainischen Bauern waren ganz wild darauf. Für Gold konnte man in der Zeit der Verfolgung Essen kaufen, falschePapiere, ein Versteck bei Bauern, in einem Heuschober, einer Erdhöhle, einem Brunnenschacht. Viele versteckten sich in selbst gegrabenen Bunkern, doch die meisten wurden entdeckt, verraten, von Ukrainern oder von Polen.
Heute gibt es nur wenige Juden inBorschtschiv, Rudolf Schwarz ist einer derletzten. Seine Enkelin ist 18 und redet dauernd davon, nach Israel zu gehen. Rudolf Schwarz kennt das Land, er war schon einmal dort, Mitte der Neunzigerjahre, auf Einladung seines Neffen, des Sohnes seiner älteren Schwester. Der war noch ein Säugling, als die Deutschen nach Borschtschiv kamen, die Eltern brachten ihn bei polnischen Nachbarn unter, die gaben ihn als ihr eigenes Kind aus und zogen ihn groß. Seine Mutter, Rudolf Schwarz' ältere Schwester, wurde mit ihrem Mann in einer der „Aktionen“ ermordet, die im Ghetto von Borschtschiv stattfanden, das die Deutschen im April 1942 eingerichtet hatten. Insgesamt wurden in der Kleinstadt rund 8000 Juden ermordet, viele aus umliegenden Dörfern und Schtetln,Koroliwka, Tluste, Biltsche... In welcher „Aktion“ die ältere Schwester umgebracht wurde, kann Rudolf Schwarz nicht sagen, auch nicht, wo sie begraben liegt. Auch die Eltern haben kein ordentliches Grab, er weiß nur, dass sie von ukrainischen Polizisten erschossen wurden, das erzählte man ihm nach seiner Rückkehr, die Leichen wurden irgendwo verscharrt wie Tiere. Irgendwo in der Gegend von Borschtschiv.
Als Rudolf Schwarz 1946 wieder nachBorschtschiv kam, musste er sich vor den Banderowcy, den ukrainischen Faschisten, in Acht nehmen, die nach Kriegsende weiter gegen die Sowjetmacht kämpften. Sie hatten Angst, er würde sich an ihnen für all das rächen, was sie den Juden angetan hatten. Doch er war immer der Meinung, wenn einer Schuld auf sich geladen hat, müsse er irgendwann dafür büßen, so oder so, dazu brauche es ihn nicht. Nach dem Krieg begegnete er in Koroliwka einem Mann, der trug die Hose seines Vaters. Er erkannte sie auf Anhieb, es war Vaters beste Anzughose. Als er ihn zur Rede stellte, wurde der Mann blass und begann zu stottern, dann bot er ihm Geld an, viel Geld, und flehte, ihn nicht zu verraten. Rudolf Schwarz nahm sein Geld nicht, doch er erzählte auch keinem etwas von der Begegnung. „Das hat ihm auch nichts geholfen. Wie ich später erfuhr, wurde er als Bandit verhaftet und verurteilt. Angeblich ist er in Sibirien verreckt.“
Als Rudolf Schwarz nach Israel fuhr, redete ihm der Neffe zu, dort zu bleiben. Ihm und seiner Frau würde nichts abgehen, sie bekämen eine schöne Wohnung, genug Geld, es gebe in Israel keinen Antisemitismus wie in Polen, Russland und der nun unabhängigen Ukraine. Doch es gefiel ihm in Israel nicht, er ist zu alt, sagt er, um aus der Ukraine wegzugehen. Hier ist seine Heimat, hier sind seine Wurzeln, hier liegen seine Eltern und Nächsten begraben, auch wenn er die Gräber nicht kennt.
„Jetzt sitze ich da und warte auf meine Pension, die letzte Zahlung habe ich vor drei Monaten bekommen. Ich habe mir immer viel eingebildet auf meinen Kopf, habe gemeint, ich sei ein besonders Kluger, dabei bin ich ein duren, ein Idiot. Ich habe mein ganzes Leben damit verplempert, den Kommunismus aufzubauen. Und was hat dabei herausgeschaut?“
Er blickt an sich herunter und reibt sich mit der Hand über die Brust. „Was hab ich jetzt davon? Fige, wie man in Polen sagt. Eine Feige. Nichts.“ ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2008)