Robert Rotifer, Britpop-Experte in Theorie (FM4) und Praxis, kam für ein Konzert nach Wien.
Da kommt also einer der unseren auf Heimatbesuch, angereist von der seligen Insel, aus der Grafschaft Kent, mit einer Fender-Gitarre, ein paar Fred-Perry-Polohemden und Songs – und die gesamte Wiener Popgesellschaft, vom kleinsten Referenten hinauf zum Präsidenten, verzichtet auf den Opernball und kommt zuhauf ins Gartenbau-Kino, um diesen Wahlbriten zu bejubeln!
Typisch Österreich? Erst wer weg ist, ist daheim willkommen? Schaut so aus, ist aber nicht ganz so. Denn der gebürtige Wiener Robert Rotifer lebt und grübelt und singt zwar so englisch wie sonst nur Ray Davies von den „Kinks“ (um das größte Lob gleich vorwegzunehmen), wirkt aber dabei nie pretending, und: Man kommt kaum auf die Idee, ihn zu fragen, warum er über die schmutzigen Wolken zwischen London und Dover singt und nicht über den Dunst zwischen Wien und Baden.
Strukturkonservativ ist okay
Er könnte das natürlich auch (und würde dann Ernst Molden, der immer glaubwürdiger wird, ernste Konkurrenz machen), aber er will eben nicht; die Heimat ist, wo das Herz ist, wie die Briten sagen. Und das ist in England und dort in der (von Ray Davies definierten) ganz und gar nicht reaktionären preservation society. In diese passt ein Gefühlslinker mit Kopf sehr gut, der weiß, dass „strukturkonservativ“ längst kein Schimpfwort mehr ist, „wertkonservativ“ sowieso nicht, es kommt halt auf die Werte an.
Womit die rückwärtsgerichtete Sentimentalität, die viele von Rotifers Songs durchweht, theoretisch gerechtfertigt wäre. Praktisch rechtfertigt sie sich 1)durch die Einsicht, dass der größte Teil der Pophörer sein Teenage (also die gelobte Lebensphase des Pop) hinter sich hat; 2)durch die schiere Schönheit der Melodien, die Rotifer wählt, egal ob er über „Party-crashing“ singt (das wohl in Chelsea genauso Tradition hat wie in Döbling) oder über die Frage, ob sich Liebe zum Punkrock mit dezentem Benehmen vereinen lässt (selbstverständlich). In begründeten Ausnahmefällen lässt sich sogar ein „Sha-la-la“-Refrain mit einem guten Song vereinen, in Rotifers „Happy All Your Life“ und „Schengenländer die!“ geht das, im ersten Fall der Resignation halber, im zweiten, weil es gar nicht „Sha-la-la“, sondern „Shanga-langa-langa“ heißt.
Jahrhundertsommer
In einem weiteren der Songs, von denen man beim zweiten Hören glaubt, dass es sie immer schon gegeben hat, singt Rotifer: „It was yet another summer of the century“ – und das ist sowohl nostalgisch als auch umweltbesorgt, ohne Öko-Kitsch. Was ein kleines Wunder ist. Noch ein paar solcher kleiner Wunder hört man auf Rotifers Alben, das neueste heißt „Coach Number 12 of 11“ und ist fast so gut wie sein letztes, „Before the Water Wars“.
Live spielte er mit seiner fürs Feine und Halbgrobe gleichermaßen bereiten Band viel aus beiden Alben, dazu noch, gemeinsam mit Robert Wolf („Chuzpe“), den alten, altklugen Neue-Welle-Schlager „Zu klug für diese Welt“. Denn: Wenn man so selten nach Wien kommt, muss ein historischer Moment auch sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2008)