Jetzt ist der Werner Schwab auch schon 14 Jahre tot, und ich hab' wieder einmal fürchterlich lachen müssen über ihn, viel zu früh übrigens und arg deplatziert.
„U-Bahn-Station“ Volkstheater stand auf der Einladung, „eigenartige Inszenierung, und die Vorstellung hat viel zu früh begonnen“, hab' ich mir gedacht, bis ich nach zehn Minuten draufgekommen bin, dass dies nicht der Raum für „Die Präsidentinnen“ war, sondern auf der Plattform der U-Bahn gewöhnliche Passanten standen.
Die hätten alle direkt in ein Stück vom Schwab gepasst, die ganz normalen Verkehrsteilnehmer vorgestern in Wien, schön reingelegt haben mich diese Ersatzpräsidentinnen mit ihren Fellmützen und Ledertaschen.
Also bin ich ein wenig zu spät gekommen ins Theater, wo diese drei abgearbeiteten Frauen so arg träumen tun, und ich hab mir gedacht: Was für ein Glück, Norbert, dass du vor 50 Jahren am 5.Feber in die Welt geschwalbt worden bist und nicht am 4.Feber wie der Schwab, denn sonst wärst heute vielleicht du tot, am Text erstickt, und der Schwab täte die Einspalter in der „Presse“ einrichten und könnte trotzdem nicht fliegen.
Das ist der Fluch der späten Geburt. Als in Graz Vorbilder wie der Bauer oder der Falk gelebt haben, musste man, wenn man ein bisserl was haben wollte von der Poesie, vor allem auch einen Rausch kriegen, denn sonst hätte man so eine Stadt gar nicht ausgehalten.
Gesund war das nicht. Aber edle Wörter wie Wirbelsäulengymnastik hat es damals eben noch nicht gegeben, ganz arm waren früher die Dichter in Graz. Zumpferl oder Schlampen oder Geh scheiß'n war das Material, aus dem man sich seine Gedichte basteln musste. Man hat sich halt kaum was leisten können damals. Erlesene Wörter wie Lindenbaum oder Schwan oder Bilinguist waren praktisch verboten in der Dichterrepublik, außer sie lagen kotzend und blutend im Sterben. Nur dann waren sie bühnenreif für den nächsten Exzess.
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2008)