Austellung. Maurizio Cattelan in Bregenz. Wow.
Mit kleinen Gesten hat sich Maurizio Cattelan noch nie aufgehalten. Selbst der winzige Ausstellungsraum „The wrong Gallery“, den er mit seinen Kuratorenfreunden Ali Subotnick und Massimiliano Gioni in Chelsea betrieb, war höchstens räumlich klein. Von der subversiv-affirmativen Strategie, den Kunstmarkt mit seinen eigenen Mitteln parasitär zu unterwandern, aber ungemein größer. Trotzdem eine vergleichsweise feine Klinge, denkt man an die fröhlich böse Puppen-Kunst, mit der Cattelan berühmt wurde, an die surrealen Situationen, die er uns ins Gedächtnis brannte: Papst Johannes Paul II., zur „La nona Ora“ von einem Meteoriten hingestreckt. Hitler als Knabe, betend auf den Knien. Der Kunstdieb, der gerade frech aus einem Loch im Museumsboden lugt.
Und jetzt also Bregenz, das Kunsthaus, den ganzen ikonischen Peter-Zumthor-Monolithen, vier Stockwerke, vier leere Hallen. Standen dem Italiener jedenfalls zur Verfügung. Und er nahm sie alle – und die ganze Stadt noch dazu.
Mit nicht mehr als vier existenziellen Bildern, die er uns wie Filmstills aus einem großen, ungedrehten Ganzen gerissen hat, erzählt Cattelan in Bregenz ein mächtiges Epos von Krieg, Familie, Tod und Schicksal.
Die Propaganda-Plakate dazu sind bereits Teil eins dieser Saga, sie hängen in der ganzen Stadt und kündigen von der Vernichtung Bregenz': Ein großer Daumen weist nach unten, auf die brennende Skyline am Bodensee, unverkennbar gemacht mit Kunsthaus und Namens-Schriftzug in altmodischen Lettern. Als Vorlage diente ein Nazi-Plakat, gedacht, um London zu demoralisieren – Cattelan hat es für seine Zwecke manipulieren lassen, ohne zu wissen, dass Bregenz in den letzten Kriegstagen tatsächlich noch brannte.
Es steht für das Drama, Krieg, Zerstörung, Leid, mit denen die großen Geschichten nun einmal beginnen. Man trifft die Plakate wieder, dreimal, gerahmt. Es ist alles, was man im Erdgeschoss des Kunsthauses zu sehen bekommt.
Der nächste Cut, Schnitt, ein Stock höher: Im Riesensaal verloren und dadurch doch unheimlich präsent, zwei alte, sanfte Labrador-Hunde, ausgestopft natürlich, die wachsam ein gelbes putziges Küken bewachen. Die italienische Familie will Cattelan hier zeigen, und doch denkt man bei diesem fragilen Konstrukt auch an Bedrohung, an den kleinen Schnapper, mit dem sich Bewacher zu Mördern wandeln würden.
Der Tod als Monument
Der Tod. Mit dem geht es auch weiter, im nächsten Stock, in dessen Mittelachse sich, die magische Zahl drei weiter variierend, neun Leichensäcke aneinander reihen. Eine gespenstische Aufbahrungshalle, beim Nähertreten erkennt man den Tod als Monument, die Leintücher, unter denen sich Körperumrisse abzeichnen, sind aus Marmor. Wow. „All“ heißt diese Inszenierung, und ja, sie betrifft uns alle in ihrem unverschämten Pathos, wie könnte sie nicht.
Doch der Fluchtweg ist versperrt. Noch nie war ein schmaler, düsterer Stiegenaufgang in Zumthors Kunsthaus so schmal und düster wie hier. Noch nie die 39 Stufen so steil, so schleppend zu bewältigen. Denn am Ende wartet es, das Trauma, eine junge Frau, wie schlafwandlerisch rückhands an einem bürgerlichen Türrahmen hängend, ihr Kopf christusgleich auf die linke Schulter gesunken, die nackten, aus dem Nachthemd gestreckten Beine kulminieren in leicht hysterisch überspannten Füßen. Wer spätestens bei diesem traumatischen Horror-Snapshot nicht zu heulen beginnt, ist kein Italiener. Die anderen überlegen sich eben, was im Saal dahinter liegen mag, im obersten Stock, dessen Betreten die schöne Scheintote versperrt: der Himmel? Unser Unbewusstes? Der Dachboden? Oder all das zusammen?
Cattelan ist in Bregenz sein Meisterwerk gelungen, er hat seine bisher kurzen Szenen, seine vereinzelten Filmstandbilder sozusagen zum ersten abendfüllenden Handlungsbogen geschlossen. Das Gerüst für die mächtige Mär ist perfekt bereitet, das Ausmalen der schmutzigen und romantischen Details bleibt uns, vor dem jeweils eigenen Erfahrungshorizont, selbst überlassen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2008)