Niemand weiß, ob ein neues Rebellen-Regime die EU-Schutztruppe duldet. Angriffe auf Palast des Präsidenten, Österreicher zwischen Fronten.
Nach dem Einmarsch der Rebellen in Tschads Hauptstadt N'Djamena hängt der Militäreinsatz der EU, an dem sich auch Österreich mit 160 Soldaten beteiligen soll, an einem seidenen Faden. „Solange wir nicht wissen, wie die UNO die neue Lage beurteilt und wie es im Tschad weitergeht, kann es auch keine abschließende Entscheidung über die Zukunft der Mission geben“, erklärte Außenministerin Ursula Plassnik am Sonntag nach einem eilig einberufenen Treffen des Politischen und Sicherheitspolitischen Komitees der EU in Brüssel.
Hinter der verklausulierten Stellungnahme steckt eine konkrete Befürchtung: Niemand in der EU weiß, ob die Rebellen die ausländische Mission akzeptieren, wenn sie tatsächlich die Macht übernehmen sollten. Die geplante Entsendung der rund 4000 Eufor-Soldaten basiert auf einem Mandat der UNO, der Resolution 1778. Diesem Entschluss hat Tschads bedrängter Präsident ausdrücklich zugestimmt, nicht aber die Aufständischen, die am Sonntag seinen Palast in N'Djamena belagerten. Ein Teil der Rebellen wird vom Sudan unterstützt. Aufgabe der Eufor wäre es jedoch, die 250.000 Flüchtlinge aus der benachbarten sudanesischen Bürgerkriegsprovinz Darfur zu schützen. Es ist fraglich, ob Sudans Regime daran ein Interesse hat. Tschads Regierung bezeichnete die Rebellenoffensive als gezielte Sabotage der Eufor-Mission durch den Sudan.
„Wir warten, wie sich die Lage in den kommenden Tagen entwickelt“, sagte Eufor-Sprecher Philippe de-Cussac zur „Presse“. Die Soldaten, die bereits entsandt worden seien, müssten nun warten, bis die Lage evaluiert worden sei. „Für sie besteht derzeit keine Gefahr. Sie werden von den Franzosen beschützt.“ Weitere Eufor-Truppen würden keinesfalls vor Mittwoch in den Tschad entsandt. Anfang kommender Woche soll in Brüssel entschieden werden, wie die Zukunft der Mission aussieht.
Auch Österreich will grundsätzlich die gemeinsame Entscheidung innerhalb der EU abwarten. Verteidigungsminister Norbert Darabos machte jedoch klar, im Falle einer weiteren Zuspitzung der Lage, die 15 österreichischen Bundesheer-Soldaten, die sich bereits im Tschad befinden, auch ohne grünes Licht aus Brüssel zurückzuholen. Als erste Sicherheitsmaßnahme überlegte man im Bundesheer, die österreichischen Soldaten notfalls vom Hotel Kempinski in ein Camp der französischen Truppen zu verlegen.
Paris hält an Mission fest
Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner zeigte sich unterdessen optimistisch, dass der Eufor-Einsatz trotz der Kämpfe in N'Djamena durchgeführt werden könne. In einem Interview mit der Zeitung „Journal de Dimanche“ verwies Kouchner auf „positive Erklärungen“ der Rebellen.
In Tschads Hauptstadt N'Djamena spitzte sich die Lage am Sonntag dramatisch zu. Die Rebellen traten zum Endkampf gegen das Regime von Machthaber Idriss Déby an. „Man kann immer wieder Explosionen und Feuer aus schweren Maschinengewehren hören. Aus der Gegend des Präsidentenpalastes steigt Rauch auf“, berichteten Augenzeugen am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters. Große Teile der Stadt waren bereits in der Hand der Aufständischen. Ihre Kämpfer rückten bis zu Débys Amtssitz vor. Tschads Diktator schickte Panzer und Hubschrauber gegen die Rebellen. Er dachte am Sonntag nicht daran, seine Macht abzugeben.
Im umkämpften N'Djamena saßen auch 15 Bundesheersoldaten fest, die als Vorkommando der Eufor in den Tschad gereist waren. Sie haben sich im Hotel Kempinski etwa dreieinhalb Kilometer vom Stadtzentrum entfernt verschanzt. „Ich stehe laufend in Kontakt mit den Soldaten. Sie sind alle wohlauf“, berichtete der Sprecher des österreichischen Tschad-Kontingents, Major Wolfgang Schneider, am Sonntag der „Presse“. Major Schneider befindet sich nach wie vor in Wien. Er hätte erst kommenden Dienstag mit etwa 40 weiteren Bundesheersoldaten in das afrikanische Land verlegt werden sollen.
„Unsere Soldaten haben Posten auf dem Dach des Hotels bezogen. Sie beobachten die Umgebung genau und warten erst einmal ab“, sagte Schneider. Nur unweit des Luxushotels Kempinski befindet sich Tschads Parlament. Das wurde bereits am Samstag von Rebellen gestürmt und geplündert.
Österreicher helfen Zivilisten
„Seit gestern gibt es in dem Bezirk, in dem das Hotel der Österreicher liegt, aber keine Kampfhandlungen mehr“, so Schneider. Die Soldaten könnten jedoch Schusswechsel aus dem Zentrum der Stadt hören. Neben den Bundesheersoldaten hätten auch ausländische Zivilisten im Kempinski Unterschlupf gefunden. „Unser Medical Team hat dort auch Hilfe für ein verletztes Kind des saudischen Militärattachés geleistet.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2008)