Ein Bus, der führerlos eine Straße hinabrollt, ein Auffahrunfall in der Wiener U-Bahn und mehrere Straßenbahnunfälle - bei manchen Fahrgästen steigt die Furcht, bei der Belegschaft der Unmut.
WIEN. Die Wiener Linien kommen in jüngster Zeit nicht und nicht aus den Schlagzeilen. Jüngster Vorfall: Ein Bus der Linie 10A rollte Montagfrüh rund 170 Meter führerlos die Johnstraße hinab. Mit diesem Vorfall hat die Serie der Unglücksfälle nun alle von den Wiener Linien eingesetzten Verkehrsmittel erreicht.
1. Welche Vorfälle gab es in jüngster Zeit?Der folgenschwerste Unfall dieser Serie passierte mit einer Straßenbahn: Im Dezember starb ein Mann, nachdem er unter einen Wagen geraten war (s. unten). Bei zwei weiteren Fällen gab es Verletzte: Im November war eine Frau mit ihrem Kinderwagen von einer Straßenbahngarnitur mitgeschleift worden, im Jänner wurde ein Bub, der mit dem Fuß in der Tür hängen geblieben war, mehrere Meter von einer Straßenbahn mitgezogen – in allen Fällen hatte der Fahrer nichts bemerkt. Nachdem in die Unfälle immer alte Garnituren verwickelt waren, die keinen Rückspiegel haben, wurden massive Vorwürfe laut: Mit einer Nachrüstung hätte man derartige Unfälle verhindern können.
Auch in der U-Bahn kam es zu einem Zwischenfall: Ende Jänner fuhr ein Zug der Linie U4 auf einen zweiten auf – erstmals in der 30-jährigen U-Bahn-Geschichte Wiens. Verletzt wurde bei dem Aufprall niemand.
2. Wie kann es dazu kommen, dass ein Bus allein los fährt?Die Wiener Linien gehen beim Vorfall vom Montag von menschlichem Versagen aus. Zumindest seien keine technischen Defekte entdeckt worden. Vermutlicher Ablauf: Der Buslenker war ausgestiegen, um eine hintere Tür zu reparieren, die nicht schloss. Dabei dürfte er vergessen haben, das Fahrzeug mit der Handbremse ordnungsgemäß zu sichern. Und es gab einen zweiten Fehler: Der Fahrer dürfte nicht, wie in solchen Fällen vorgeschrieben, die Vordertür offen gelassen haben – sonst hätte eine automatische Bremse das Wegrollen verhindert. Die Wiener Linien sprechen von einer „unglücklichen Verkettung von vielen Dingen“.
3. Wie groß war die Gefahr durch den rollenden Bus?Die Johnstraße ist stellenweise sehr steil. Wäre der Bus weiter die Straße hinuntergerollt und hätte dabei weiter beschleunigt, wäre vermutlich mit erheblich größeren Schäden zu rechnen gewesen. Dass es nicht schlimmer kam, ist zwei Fahrgästen zu verdanken, die den mit zehn Menschen besetzten Bus an den Straßenrad lenkten – und so die Karosseriebremse zum Tragen kam. Der Wagen durchstieß einen Zaun und kam schließlich zum Stillstand (s. Bild unten). Sechs Fahrgäste erlitten leichte Verletzungen, größtenteils Abschürfungen. Der Sachschaden dürfte bei einigen hunderttausend Euro liegen, bis zu 15 Autos, ein Motorrad und mehrere Einfriedungen wurden beschädigt.
4. Was steckt hinter der Serie von Unfällen bei den Wiener Linien?Waren die Unfälle der jüngsten Zeit nur eine zufällige Häufung? Nein, glaubt Ingrid Puller, Straßenbahnfahrerin und Grüne Gemeinderätin: „Die Dienst- und Betriebsvorschrift aus dem Jahr 2004 zeigt Auswirkungen.“ Die Fahrer würden bis zu vier Stunden am Stück fahren, ohne Pause. Auch Ausbildungsfahrten seien gekürzt worden. Die Fahrer stünden unter enormem Druck. Bei den Wiener Linien beschwichtigt man, wenn auch mit leichter Resignation: „Wenn man eine Serie sehen will, haben wir wirklich eine“, sagt Sprecher Johann Ehrengruber. Da helfe es auch wenig, wenn sich nach Meldungen über Unfälle herausstelle, dass es sich nicht so zugetragen habe, wie es kolportiert wurde: So habe sich die Frau, die im November mit ihrem Kinderwagen mitgeschleift wurde, bei den Wiener Linien gemeldet und angegeben, dass sie nicht in der Tür hängen geblieben war, wie es in den Medien zu lesen gewesen sei. Zudem verweist Ehrengruber darauf, dass bei mehr als zwei Millionen Fahrten pro Tag nichts passiere und lediglich spektakuläre Fälle thematisiert werden.
5. Müssen sich Passagiere der Wiener Linien jetzt fürchten?Nein. Trotz der jüngsten Vorfälle „sind öffentliche Verkehrsmittel immer noch eine sehr sichere Art, sich fortzubewegen“, sagt Ursula Messner vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV). Im Jahr 2006 – aktuellere Daten liegen noch nicht vor – gab es laut KfV zwar insgesamt 449 Unfälle von Linienbussen und 339 mit Straßenbahnen, doch endeten sie alle weitgehend glimpflich. Und die Zahl derartiger Vorfälle sei in den vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben. „Kleinigkeiten stehen an der Tagesordnung“, sagt Sprecher Johann Ehrengruber, „wie im Individualverkehr“. Zum Vergleich: 32.607 Unfälle gingen 2006 auf das Konto von Pkw, bei 5417 waren Fahrräder beteiligt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2008)