Die Gesellschaft droht Kindern mit höheren Strafen und zeigt gleichzeitig, wie Vierpfötern mit Konsequenz und Zuneigung geholfen werden kann.
Bei der Suche nach einer Tennisübertragung bin ich neulich – es muss ein Samstagabend gewesen sein – auf ein Juwel der Fernsehunterhaltung gestoßen. „Die Superfrauchen“ hieß der Beitrag, und es handelte sich nicht, wie man nach dem Titel vermuten durfte, um einen alten Film von Russ Meyer, sondern um eine Tierserie. In ihr wurde gezeigt, wie schwierig die artgerechte Haltung von Vierbeinern ist, welche Fehler dabei gemacht werden, wie schwerwiegend die Folgen für den Hund oder das Kätzchen sind und was, unter fachfraulicher Anleitung, dagegen gemacht werden kann.
Eindrucksvolle Berichte sah man, von Hunden, die Radfahrer jagten, Briefträger bissen und Autos anbellten. Katzen fauchten Besucher an, verweigerten die Nahrung oder die Benützung ihrer Toilette, zerkratzten die Möbel, hielten sich, kurz gesagt, an keinerlei Regeln.
Dann aber kam das Superfrauchen. Ihr Repertoire war eindrucksvoll. Konsequent müsse man mit verhaltensgestörten Vierbeinern umgehen, belehrte sie die Besitzer der vierpfötigen Monster, Wegsperren sei keine Lösung, Liebesentzug schade nur. Was man brauche, sei eine „Politik der kleinen Schritte“: Das Tier müsse erst wieder Vertrauen gewinnen und dann in vielen kleinen Schritten sein Verhalten im Alltag neu lernen. Als Nicht-Hundebesitzer erschien mir das logisch. Und, siehe da, die Tipps des Superfrauchens wirkten: Zwar sträubten sich die Nackenhaare der Angstbeißer noch, aber sie gingen nicht mehr blind auf andere los. Bellten nicht mehr herum, zerbissen keine Sitzmöbel mehr. Lernten, dass sie nicht in alle Zimmer dürfen, tobten nicht mehr durch den Tag.
Wie schön wäre die Welt, dachte ich bei mir, wenn das, was man hier sah, auch in der Kinderwelt Gültigkeit hätte. Gleichzeitig wogte nämlich in der Bundesrepublik Deutschland ein Wahlkampf, in dem vorgezogene Haftstrafen, militärische Erziehungs-camps und verschärfte Höchststrafen für jugendliche Übeltäter gefordert wurden. Man soeben einen Schwererziehbaren zur Besserung nach Sibirien geschickt hatte. In den USA vorgeschlagen wird, zur Bekämpfung der Jugendkriminalität das Alter für die Todesstrafe zu senken. Kurz gesagt keine Rede von dem ist, was die Tiersendung gerade erfolgreich propagierte: das Eingestehen von Problemen und ihre rasche Behandlung vor Ort, mit Konsequenz und klaren Spielregeln. Wie arm, dachte ich, ist eine scheinbar allmächtige und allwissende Gesellschaft, die ihre Problemkinder nach Sibirien schicken muss, weil sie selbst offenbar über keine ausreichenden Korrekturmöglichkeiten für Fehlverhalten mehr verfügt. Die Kindern mit höheren Strafen droht und gleichzeitig zeigt, wie Vierpfötern mit Konsequenz und Zuneigung geholfen werden kann.
Spätestens bei diesem Gedanken hatte ich die Tennisübertragung gefunden und musste zusehen, wie Novak Djokovic meinen sentimentalen Favoriten Roger Federer aus dem Bewerb schoss. Konsequent, aber ziemlich lieblos, fand ich.
Kurt Scholz ist Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien und war langjähriger Wr. Stadtschulratspräsident.
meinung@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2008)