Mein Taxifahrer sagt, dass er keine Opernballgäste mehr befördern mag.
Im Haushalt meiner Eltern gab es ein Benimmbuch. Ich denke, es war sogar ein richtiger „Knigge“. Keine Ahnung, ob meine Mutter ihn angeschafft hat, vermutlich nicht. Vermutlich stammte er noch aus ihren Kindertagen, vielleicht sogar aus den Kindertagen meiner Großmutter: Immerhin wurden in diesem Buch Besucher noch von Hausangestellten empfangen, die auf einem silbernen Tablett die Visitenkarte entgegenzunehmen hatten.
Dass man mit Hausangestellten nicht schreit, stand übrigens nicht drin.
Daran musste ich denken, als sich neulich meine Freundin Monika (den Namen habe ich geändert!) über gewisse „Damen der Gesellschaft“ beklagte. Seit kurzem arbeitet sie nämlich in einer Nobelboutique am Kohlmarkt. „Die können nicht grüßen, die sagen nicht Danke, die reden überhaupt nicht mit dir. Die kommen rein und winken dich her!“
Das sei ihr jedenfalls auf der Mariahilfer Straße so nicht passiert. Was mich an einen ehemaligen Kollegen erinnert, der sich immer wieder bitter über das Wiener Opernpublikum beklagte. „Wenn sie etwas nicht verstehen, weil es ihnen zu modern ist – und dem Wiener Opernpublikum ist bald etwas zu modern – dann führen die sich auf, das ist unglaublich! Da wird gehüstelt und geredet. Und dann stehen sie mittendrin demonstrativ auf und knallen mit den Türen!“ Frau Franz wiederum, eine Nachbarin, ärgert sich regelmäßig über soignierte Herren, die sie auf der Straße fast nieder rennen. Und ich musste mich neulich über einen Club 2 zum Thema Opernball wundern: Da meinte eine ehemalige Theaterdirektorin zuerst, sie hätte Richard Lugner für eine Puppe gehalten, erklärte dann, er rede nur Unsinn und habe deshalb kein Recht, auszusprechen. Und zu guter letzt hielt sie sich auch noch die Ohren zu! Offenbar glaubte sie, das sei besonders witzig.
Am Tag nach dem Opernball bin ich mit dem Taxi gefahren. Der Taxifahrer, ein älterer Herr, erzählte mir, er hätte die Zentrale darauf hingewiesen, dass er keine Opernballbesucher mehr befördern möchte. Opernballbesucher, meinte er, hätten kein Benehmen und seien überdurchschnittlich unhöflich.
Ich sah keinen Grund, an seiner Aussage zu zweifeln.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2008)