Neue Galerie Graz: New York der 60er Jahre

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"High Times, Hard Times" würdigt die experimentellen New Yorker Maler der 60er-Jahre, die sich von Video und Konzept nicht einschüchtern ließen.

Pop Art war endgültig tot und die Minimal Art derart akademisiert, dass ihr Schicksal als Sackgasse unübersehbar war. Was konnte das im New York der 60er-Jahre für eine junge Malergeneration nur heißen? Genau. Mit dem Kopf durch die Wand. Statt weiße Striche auf weißen Leinwänden zu platzieren, wurden jetzt unter Einfluss böser Substanzen verzerrte Muster gesprayt, knallbuntes Latex auf den Boden geschüttet und vor allem wie wild darauflosgenäht, -gehäkelt, -geknüpft. Patchwork. Psychedelic. Pazifismus. Das trieb die Jungen damals an, die Malerei aus ihrem Rahmen zu befreien, damit hatten sie Erfolg. Von dem heute niemand mehr etwas weiß.

Fast niemand. Unter bravem Schulterklopfen der US-Presse ist eine von Kritikerin Katy Siegel und Künstler David Reed zusammengestellte Wanderausstellung aufgebrochen, um auch in Europa zu zeigen, dass in den 60er- und 70er-Jahren die abstrakte Malerei in den USA nicht von Video-Art gekillt und von Konzept-Art an die Wand geschrieben wurde. Sondern, dass auch an der Pinselfront mit Leidenschaft darum gekämpft wurde, weiterhin mit eigenen Mitteln politisch und gesellschaftlich relevant zu sein und zu bleiben. Was vor allem durch Grenzüberschreitung und -Niederreißung zu anderen Gattungen wie Performance und Installation gelang. Ein experimenteller Ansatz, den man sich von der derzeit grassierenden saturierten Salonmalerei heute nur wünschen kann.

In Graz kommt die rund 45 Werke von 40 Künstlern umfassende Gruppenschau „High Times, Hard Times“ allerdings doppelt exotisch daher: Mit Österreich war diese Szene – anders als mit Deutschland durch Blinky Palermo und Franz Erhard Walther – überhaupt nicht vernetzt. Und der zweite Stock der Neuen Galerie ist auch nicht unbedingt der Ort, wo eine solche Verbindung auf breiterer Ebene heute hergestellt werden könnte, wo eine in die Peripherie der Kunstgeschichte gerutschte Generation wieder ins Zentrum der Wahrnehmung geschleudert wird. Aber vielleicht gelingt das ja bei der nächsten Station, im ZKM Karlsruhe.

In einem Schuppen irgendwo

So sind es neben dem Staunen über die materielle Aufgeschlossenheit, die Rohöl, Kunststoff bis zum eigenen Körper als Farbe oder Untergrund zuließ, vor allem Künstlerschicksale, die berühren: das erst spät als „Selbstporträt“ enttarnte abstrakte Batik-Gehänge von Al Loving etwa. Noch während der Vorbereitungen zur Ausstellung ist der in Vergessenheit geratene Künstler gestorben. Jetzt konnte die Schau sogar das Interesse des New Yorker MoMA wecken. Erzählt der Grazer Koordinator der Schau, Günther Holler-Schuster. Und schiebt noch eine Mär nach: So sollen die Kuratoren den Großteil des Werks von Lee Lozano etwa noch in einem Schuppen irgendwo vor New York gefunden haben. Heute wird die 1999 Verstorbene von Hauser & Wirth vertreten, einer der einflussreichsten Galerien weltweit.

Gemeinsam mit mehreren anderen späten Künstlerinnenkarrieren wie von Lynda Benglis, Mary Heilmann, Carolee Schneemann, Yayoi Kusama wirkt auch Lozanos Neuentdeckung wie eine späte Rache an der patriarchalen Kunstszene von damals: Heute sind es vor allem diese Künstlerinnen, die am besten im Gedächtnis haften geblieben sind aus einer Zeit, in der die Malerei nur überlebte, indem sie an ihre Grenzen ging.

ZUR AUSSTELLUNG

In den USA wurde „High Times, Hard Times“ als „Missing Link“ gefeiert. Als Beweis, dass Malerei im New York der 60er- und 70er-Jahre nicht völlig von Video- und Konzeptkunst verdrängt war. Gezeigt werden 40 abstrakte experimentelle Maler/Malerinnen. Bis 24.2., Neue Galerie Graz, dann ZKM Karlsruhe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2008)

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