Atelier Augarten: Erste museale Einzelschau von Martin Schnur

(c) Martin Schnur
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Martin Schnurs erste Personale lässt auf Aufbruch hoffen. Zumindest in Wien ist Schnur weltberühmt dafür, zwei Bilder in einem zu vereinen, das gute alte Diptychon, wie er sagt, neu zu definieren.

Wie stellt sich heute ein notorischer Bilderzeuger, nämlich Maler, der von ihm selbst beklagten „Bilderflut“? Ohne dabei am eigenen Geisteszustand allzu sehr zu zweifeln? Mit diesem Widerspruch scheint der 1964 in Vorau geborene Martin Schnur allerdings irgendwie leben und arbeiten gelernt zu haben. In fast rührend naiv anmutender Weise tritt er den digitalen Bildmassen mit Farbe, Leinwand, Papier und sehr viel Zeit entgegen, den bestens geschliffenen Waffen eines Künstlers also, der sich selbst stark in der künstlerischen Tradition zwischen Neo-Realismus, Impressionismus und Spätbarock verankert hat.

Zumindest in Wien ist Schnur weltberühmt dafür, zwei Bilder in einem zu vereinen, das gute alte Diptychon, wie er sagt, neu zu definieren. Was dem sehr ernsthaften Maler, der einst bei Johannes Avramidis mehr das Bilderhauen erlernte, teils erstaunlich überzeugend, teils fast unerträglich schön gelingt. Aber mit diesem Widerspruch muss jetzt jeder selber fertig werden, im wundervoll lichten „Atelier Augarten“, sich schwindelnd drehend mitten in Schnurs erster musealer Einzelausstellung mit dem bezeichnenden Titel „Schein“.

Aliens? Discokugeln!

Denn hier „scheint“ ein Sonnenstrahl direkt aus einem Bild, dort blendet ein Spiegel im Licht, da glitzert eine Discokugel in apokalyptischem Rotviolett. Überhaupt diese seltsam altmodischen Discokugeln. Wie dekorative Provokationen aus den 80er-Jahren kugeln sie in manchen der neuesten Bilder herum, baumeln in Birkenwäldern, liegen wie Aliens in einem neo-neo-impressionistischen Park, vor einem Strauch mit noch dazu knallrosa Blütenpracht. „Zeitgeist vergeht!“, schreit die Kugel. „Monet bleibt!“, der Busch. Und das poppig billige Lila der plan gemalten Umrahmung spiegelt sich derweil ungeniert im Weiher nebenan. Das ist dann doch zu viel der Nostalgie.

Am stärksten ist Schnur immer noch dort, wo er malender Bildhauer ist, dem Betrachter Menschen gegenüberstellt, in Lebensgröße, und in Situationen, die nicht eindeutig zu klären sind. Und das geht so: Wie am Computer schiebt Schnur zwei Bilder unterschiedlicher Größe übereinander, bis das eine wie ein gemaltes Insert über dem anderen liegt. Manchmal wirkt diese Komposition wie der eins zu eins festgehaltene Blick auf das Display einer Digitalkamera in freier Landschaft – die Augen stellen auf das Kameramotiv scharf, während die Umgebung nur unscharf, als Atmosphäre wahrgenommen wird.

Wenn die zwei derart kombinierten Bilder einander in Stimmung und Schärfegrad am ähnlichsten sind, die platte Collage vor der subtilen Irritation erwarteter Einheit des Raums in den Hintergrund tritt wie etwa im titelgebenden „Schein“ von 2006 – dann sind das die Höhepunkte der von Eva Maria Stadler zusammengestellten Ausstellung.

Inhaltlich wird in ihr eine Art Aufbruchstimmung Schnurs inszeniert: An der abschließenden Wand hängt das großformatige Gemälde „Schein 2“ – mitten in der Großaufnahme eines Stücks verschmutzten Wiener-Naschmarkt-Bodens „scheint“ sich ein Mann gerade von einem Badetuch auf einer abschüssigen Wiese zu erheben. Der Mann ist schwarz, wie auffällig viele von Schnurs Modellen. Doch erstmals ist in diesem jüngsten Bild auch eine klare gesellschaftskritische Komponente ablesbar.

Während sonst oft junge, spärlich bekleidete Frauen in die Landschaft gepflanzt werden, noch dazu in passiv hingegossenen Aktposen, oder sich bestens gekleidete Männer müßig wie einst Venus oder Olympia auf Kanapees strecken, ist hier eine fast schon dramatische Dynamik zu orten. Das schenkt Hoffnung. Und immer ein versöhnliches Ende.

ZUR AUSSTELLUNG

„Schein“ ist die erste museale Einzelschau von Martin Schnur (*1964, Vorau). Gezeigt werden 27 Bilder der letzten Jahre. Bis 6.4., Scherzerg. 1a, Wien 2, Do.–So. 11–19h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2008)

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