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Europa und sein blaues Wunder

Politik-Experten: Druck der USA auf europäische Partner wird wachsen.

BERLIN.Der alte Kontinent könnte sich noch wundern über den neuen Wind aus Washington: Die Forderungen der USA nach stärkerem Engagement in Afghanistan sind nur Vorgeschmack dessen, was Deutschland und Europa nach einem Regierungswechsel in Washington erwartet. Dies ist der Tenor von Experten, die in der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ in Berlin über die Auswirkungen der US-Wahl diskutierten.

„John McCain trägt seine Außenpolitik manchmal sehr schroff vor. Die Demokraten tun dasselbe, nur in einem freundlicheren Ton“, sagte Karsten Voigt, Koordinator der deutschen Regierung für die transatlantischen Beziehungen. „Manche der Probleme zwischen den USA und Europa haben ja nicht erst mit George W. Bush begonnen, sondern schon unter Bill Clinton.“

Der amerikanische Politologe John Hulsman warnt die Europäer deshalb davor, sich bei einem Sieg von Hillary Clinton bequem zurückzulehnen. Im Irak, in Nahost, am Balkan, in der Menschenrechtspolitik gegenüber Russland und China – überall würden die Demokraten von Europa einen größeren Beitrag und mehr Geld fordern, ist Daniel Hamilton, Direktor für transatlantische Beziehungen an der John Hopkins University, überzeugt. „Es wird auch massiven Druck in Immigrationsfragen und bei der inneren Sicherheit geben. In den USA herrscht die Meinung vor, dass Europas Versagen bei der Integration von Migranten eine Bedrohung für die USA bedeutet, nach dem Motto: ,Die Menschen, die uns töten wollen, sitzen in Europa.‘“


„USA sind für uns viel wichtiger“

Im US-Wahlkampf spiele Europa übrigens nur eine geringe Rolle, so Voigt. „Die USA sind für uns viel wichtiger als wir für sie, und der Stellenwert Europas nimmt weiter ab. Unser Einfluss wird davon abhängen, wie sehr wir uns an der Krisenintervention beteiligen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2008)