Umfrage: Weniger Verwandte, mehr Singles

(c) AP (Michael Sohn)
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Onkel, Tanten & Co werden seltener in Österreich, Einzelkinder und Ein-Personen-Haushalte werden dagegen immer mehr.

WIEN. Wiener sind einsamer als die Bewohner anderer Bundesländer. Zumindest lässt sich dieser Eindruck gewinnen, wenn man auf das Familiennetzwerk blickt. Laut einer Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstituts Imas haben 61 Prozent der Wiener nur wenige oder gar keine Verwandten. Bewohner von Landgemeinden können dagegen zu 53 Prozent auf viele Verwandte verweisen.

Dieser Eindruck deckt sich mit den Zahlen der Volkszählung 2001. Demnach haben etwa Einwohner kleiner Gemeinden mit hohem Anteil an Landwirtschaft durchschnittlich 7,7 nahe Angehörige, in Wien sind es nur mehr 5,7. Das größte Familiennetzwerk haben die Oberösterreicher mit einem Durchschnittswert von 7,6.

Weniger Geschwister

Die Großfamilie, wie sie bei vielen noch als Idealzustand gelten mag, findet man in der österreichischen Realität kaum mehr. Im Gegenteil: So geben laut Imas 41 Prozent von 1000 befragten Österreichern an, dass sie eher wenige Verwandte haben, 10 Prozent haben sogar so gut wie keine. Immerhin: 46 Prozent geben an, dass sie eher viele Verwandte haben.

Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen werden seltener; viele haben laut Imas gar keine solchen Verwandten mehr. Und auch die Zahl an Geschwistern hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Hatten bei der Volkszählung 2001 die 30-44-jährigen Österreicher noch durchschnittlich 2,4 Geschwister, waren es bei der Gruppe der 15-29-jährigen nur mehr 1,8, bei unter 14-Jährigen 1,4. Eine große Zahl an Geschwistern haben nur mehr wenige junge Menschen. Jedes achte Kind ist laut Statistik Austria ein Einzelkind. Und durch die in den vergangenen Jahren gestiegene Scheidungshäufigkeit wachsen viele Kinder und Jugendliche – zum Teil auch Voll- und Halbgeschwister – nicht gemeinsam auf.

Die zunehmende Geburtenarmut sorgt dafür, dass der Kreis der Verwandtschaft immer dünner ausfällt. Immerhin, durchschnittlich haben die Österreicher sieben lebende nahe Angehörige (Partner, Eltern, Groß- und Urgroßeltern, Geschwister, Kinder, Enkel und Urenkel). Nur wenige Österreicher – weniger als ein Prozent – haben keinen einzigen lebenden Verwandten, bei immerhin 13 Prozent besteht das Familiennetzwerk aus maximal drei Personen.

Niemand zum Vererben da

Abgesehen von fehlendem Nachwuchs gibt es einen weiteren Grund für das Schrumpfen von Familiennetzwerken, nämlich den Trend zum Single-Dasein. Lebten im Jahr 1951 nur 386.000 Menschen in Ein-Personen-Haushalten, waren es 2007 schon 1,460.000, also fast viermal so viel.

Handfeste Konsequenzen hat das Fehlen naher Verwandter unter anderem beim Erben. Nur 21 Prozent beschäftigt laut Imas die Frage sehr oder ziemlich stark, was mit ihren Ersparnissen oder Besitztümern nach ihrem Tod geschehen soll. 32 Prozent kümmern sich wenig darum, 33 Prozent gar nicht – insgesamt kümmern sich also zwei Drittel der Bevölkerung innerlich wenig oder gar nicht um das Problem des Vererbens. Für 15Prozent der Befragten stellt sich die Frage aber ohnehin nicht – sie geben an, keine Dinge zu besitzen, die man vererben könnte.

Interessant bei der Frage nach dem Erben ist die Parteipräferenz. Mehr als doppelt so viele ÖVP-Anhänger (35 Prozent) wie Sozialdemokraten (17 Prozent) beschäftigen sich damit sehr oder ziemlich stark. Grüne interessiert das Thema Erbe am wenigsten – ganze 80 Prozent machen sich darüber keinerlei Gedanken.

Von denen, die etwas zu vererben haben, möchten 72 Prozent die Ersparnisse ihren direkten Nachkommen zukommen lassen. Mangels direkter Nachkommen sollen bei elf Prozent andere Verwandte zum Zug kommen, drei Prozent denken an engere Freunde. An Institutionen wie Caritas, Kirche oder Greenpeace denken immerhin noch zwei Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2008)

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