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Die Menschenwürde der Embryonen

Der Todeszeitpunkt eines Embryos entscheidet nicht darüber, zu welcher Art Lebewesen er gehört. Der Embryo entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch.

Die Debatte über humane embryonale Stammzellen (hESZ) ist jetzt auch in Österreich entbrannt. Es gibt eine Gesetzeslücke: Der Import von embryonalen Stammzellen/-linien aus dem Ausland ist nicht verboten. Diese Gesetzeslücke soll geschlossen werden. Aber wie und mit welchem Ziel? Schafft ein neues Gesetz womöglich mehr Probleme, als es löst?

Bei einem solchen Gesetzesvorhaben geht es, wie Ulrich Körtner im Interview mit der „Presse“ (30. Jänner, S. 33f.) hervorhebt, nicht nur um die Regelung des Imports dieser Zellen aus dem Ausland, sondern auch um die Verwendung inländischer sogenannter „überzähliger“ Embryonen. Zur Herstellung von embryonalen Stammzellen/-zelllinen im Inland müsse auch „das Fortpflanzungsmedizingesetz geändert werden“ (ebd.).

Was sind die ethischen Argumente für die Verwendung von Embryonen als Grundstoff für die Gewinnung von hES-Zellen? Ein erstes: Überzählige Embryonen haben keine Lebensperspektive. Gegenfrage: Warum haben sie diese nicht? Weil man sie in eine solche Situation gebracht hat. Warum hat man sie dahin gebracht? Um die Erfolgsrate der In-vitro-Fertilisation (also der Herstellung von Embryonen im Reagenzglas) zu erhöhen, die Frau nicht mit mehrfachen Eizellpunktionen zu belasten und bei Misserfolg des ersten Versuches Embryonen auf Vorrat zu haben.


Mit dem Nutzen argumentieren?

Wenn aber „der Schutz des Lebens in allen seinen Phasen ein christlicher Grundsatz“ (ebd. 33) ist, warum gilt er nicht auch für diese Embryonen, „die bei der In-vitro-Fertilisation anfallen“ (ebd. 33)? Was soll man mit diesen Embryonen tun, wenn sie nicht mehr „gebraucht“ werden? Soll man sie sterben lassen oder als Material nutzbringend verwenden? Auf den ersten Blick scheint es plausibel, sie nutzbringend zu verwenden, statt sie sterben zu lassen. Aber kann man hier mit dem Nutzen argumentieren? Mit analoger Logik könnte man sagen, dass ein Mensch, der ohnehin an seinem Krebsleiden sterben wird und keine Lebensperspektive mehr hat, vorher noch einmal nutzbringend zu Forschungszwecken operiert wird. Die mangelnde Lebensperspektive – die der Embryo deshalb hat, weil man ihn in diese Situation gebracht hat – kann kein Grund dafür sein, sein Leben gegen die „ethische Verpflichtung zur Grundlagenforschung“ (ebd. 33) abzuwägen. Embryonen sterben zu lassen widerspricht nicht ihrer Würde, wohl aber ihre Verwendung und Benutzung (Totalinstrumentalisierung) zu Forschungszwecken oder zur Herstellung von embryonalen Stammzellen.

Was aber, wenn man menschliche Embryonen gar nicht als Anfangsstadium des Menschen betrachtet? Es wird zwar durchaus zugestanden, dass wir alle einmal Embryonen waren, aber es wird eingeschränkt, dass „nicht jeder Embryo ... sich zum Menschen entwickelt“ (ebd). Gemeint ist damit, dass der Embryo stirbt, bevor er ausgereift ist, wie das in der Natur oft passiert. Aber heißt das, dass er deshalb kein Mensch ist, dass wir selbst uns aus etwas anderem zum Menschen entwickelt haben? Selbst wenn ein menschlicher Embryo nur fünf oder zehn Tage alt wird, gehört er doch nicht einer anderen Gattung (Art) an. Er ist doch kein „Vormensch“. Was also ist dieser Embryo? Man kommt um eine Definition nicht herum, zumal deshalb, da man ja explizit mit menschlichen Zellen forschen will und zwar mit menschlichen embryonalen Zellen (der Begriff Embryo taucht im Fortpflanzungsmedizingesetz gar nicht auf, es spricht von „entwicklungsfähigen Zellen“). Der Todeszeitpunkt eines Embryos entscheidet jedenfalls nicht darüber, zu welcher Art Lebewesen er gehört. Der Embryo entwickelt sich nicht zum Menschen (denn er war vorher kein Tier), sondern als Mensch.

Ebenso wenig entscheidet die Todesursache bei einem Embryo darüber, zu welcher Art von Lebewesen er gehört. Diesbezüglich wird im Kontext des Nichtausreifens von Embryonen von epigenetischen Wechselwirkungen mit der Mutter gesprochen. Epigenetische Einflüsse gibt es aber bereits im Embryo. Jede Zellteilung und jede Zelldifferenzierung, die durch Methylierung (Imprinting), d. h. Abschalten von Genen, zustande kommt, ist nur möglich durch solche epigenetischen Faktoren. Genau diese epigenetischen Faktoren sind ja der Grund dafür, warum eine Therapie mit embryonalen Stammzellen bisher nicht funktioniert hat (und womöglich niemals funktionieren wird). Solange nämlich die Zellen der inneren Zellmasse eines vier, fünf Tage alten Embryos, aus denen die embryonalen Stammzellen durch Veränderung des Zellzyklus gewonnen werden, in ihrer Umgebung des Embryo beheimatet sind, können sie ihr genetisches Grundprogramm der Zelldifferenzierung geordnet (!!) ausführen. Sobald diese Zellen aber in eine andere epigenetische Umgebung kommen (anderer älterer Organismus), entwickelt sich ihr Grundprogramm der Zelldifferenzierung nun ungeordnet (!!) weiter. Es bilden sich Teratome und Krebszellen. Deren Wachstum wird zusätzlich dadurch begünstigt, dass das Immunsystem des Patienten wegen der Abstoßungsreaktionen unterdrückt werden muss. Neben diesen epigenetischen Prozessen, die im Embryo selbst ablaufen, gibt es Interaktionen zwischen Embryo und Mutter (der Embryo sendet Signale aus, damit das Immunsystem der Mutter ihn nicht abstößt) sowie zwischen Mutter und Embryo. Epigenetische Prozesse (bzw. deren Nicht-Funktionieren) sind aber kein Kriterium dafür, ob es sich um den Beginn eines Menschenlebens handelt oder nicht.


Keineswegs alternativenlos

Wegen all dieser Schwierigkeiten wird schon nicht mehr mit therapeutischen Zielen geworben (das war die bisherige Begründung für die Verwendung von hESZ), sondern mit Grundlagenforschung. Zehn Jahre ist im Blick auf Therapien erfolglos an hESZ geforscht worden, weitere werden folgen. Nach zehn Jahren muss ein „normales Medikament“ auf den Markt und sich in den folgenden zehn Jahren mittels Patentschutz amortisieren. Davon ist bei hES-Zellen keine Spur. Also wird mit Toxizitätsprüfungen für Arzneimittel oder mit Grundlagenforschung argumentiert. Grundlagenforschung wird man womöglich bald auch mit den induzierten pluripotenen Stammzellen (iPS) durchführen können. Diese werden aus erwachsenen Zellen durch Einschleusen von aktiven Genen hergestellt, die die Zellen in einen Zustand versetzen, der jenem der embryonalen Stammzellen nahezu gleicht, ohne dass Embryonen hergestellt werden. Die Toxizitätsprüfungen kann man mit Nabelschnurblutstammzellen oder auch mit den iPS- Zellen durchführen, und für Therapien stehen seit langem adulte Stammzellen und Nabelschnurblutstammzellen zur Verfügung. Alternativenlos sind die embryonalen Stammzellen also keineswegs.


Symbol für andere Auseinandersetzungen

Was hat man also in Österreich bisher versäumt? Was ist im Blick auf Therapien mit hES-Zellen weltweit mit großem finanziellen Aufwand erreicht worden? Werden Forscher in Österreich tatsächlich behindert? Wozu muss man jetzt bei der raschen Entwicklung ein Gesetz schaffen, da man mit jedem Monat mehr über die Einsatzmöglichkeiten von Alternativen (z.B. iPS-Zellen) weiß? Rechtsunsicherheit zu beseitigen ist an sich ein richtiges Ziel, aber werden die Probleme mit einem neuen Gesetz womöglich größer als jene, die man lösen will? Will man wirklich nur Rechtssicherheit für Forscher schaffen, oder will man unter der Hand den Schutz für das Menschenleben an seinem Beginn über Bord werfen? Es scheint, als wären menschliche embryonale Stammzellen längst zu einem Symbol für ganz andere Auseinandersetzungen geworden.

Dr.med. Dr.theol. Mag. pharm. Matthias Beck(Studien in Pharmazie, Medizin, Philosophie, Theologie in Münster, München, Freiburg) ist seit März 2007 außerordentlicher Universitätsprofessor für Moraltheologie/Medizinethik an der Universität Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2008)