Von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch, das war auch heuer wieder ein Quantensprung.
Vorsicht, Leserin! Trauen Sie dem Schein nicht, Leser! Sollten Sie gestern, Aschermittwoch, eine Betrachtung gelesen haben, die Ihnen des strengen Tages besonders würdig schien, die sozusagen vorbildlich nach saurem Hering schmeckte, dann sollten Sie wissen: Geschrieben wurde das Buß- und Beichtstück ziemlich sicher im wildesten Faschingstrubel; gut möglich, dass sich der Prediger nach Abfassung der Predigt ein lustiges Hütchen aufgesetzt hat, fest entschlossen, einmal noch, wie der Brite sagt, die Stadt rot anzumalen.
Ich weiß das aus Erfahrung. Mir glückte vor vielen, vielen Jahren eine besinnliche Aschermittwoch-Glosse namens „Asche und Aspirin“ so gut, dass ich freudig zum nächstbesten Gschnas stürmte und dort so viele Bestellungen aufgab, dass ich am nächsten Morgen noch mit deren Erledigung zu kämpfen hatte, sprich: tatsächlich der Acetylsalicylsäure bedurfte. Zum Glück hatten mir von der Lektüre bewegte Kolleginnen ein Päckchen davon geschenkt...
Von Rausch zu Kater, von heiter auf ernst. Den umgekehrten Umschlag meint der Witz vom Totenredner, den die Familie des Verstorbenen herunterhandelt: „400 Euro: Da weint der ganze Friedhof“, sagt der Meister eingangs. „Geht's ein bisschen billiger?“ – „200 Euro: Da weinen immerhin alle Verwandten.“ – „Haben Sie nicht noch was Günstigeres?“ – „100 Euro. Da weinen aber nur die Rührseligen.“ – „Tut uns leid, ist uns immer noch zu teuer.“ – „Na gut, ich hab' noch eine Rede um 50 Euro. Aber die hat schon einen humoristischen Einschlag.“
Selten fallen Sprünge des Gemüts mit Sprüngen des Jahres zusammen. Dass weihnachtliche Ansprachen im Advent geschrieben und gehalten werden, ist nie ein Problem; dass der Pfarrer die Osterpredigt unter dem Eindruck der Passion schreibt, ist im Sinn der Sache; der Sommer herbstelt, bevor es Herbst wird; auch sonst verläuft das Jahr recht glatt. Die Silvesternacht wird durchgetanzt, die guten Vorsätze halten nicht. Nur von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch, da ist eine Zäsur: ein Quantensprung.
Den Neunmalklugen, die bei jeder profanen Verwendung des Worts „Quantensprung“ den Zeigefinger ausfahren, sei hier einmal zugerufen: Ihr nervt, und ihr irrt! Es ist völlig unwesentlich für einen Quantensprung, ob er klein oder groß ist, er muss nur jäh erfolgen, ohne Zwischenstufen, diskret, eben sprunghaft. Das macht die Quantenphysik aus: Dass sie dem alten Glauben widerspricht, dass die Natur keine Sprünge mache.
Die Natur macht Sprünge. Die Kultur manchmal auch. Einmal im Jahr auf jeden Fall. So passt es mir heute in den Kram, dass Ludwig Boltzmann (1844 bis 1906), ein Vater des Atomismus, ein Großvater der Quantenphysik, zu plötzlichen Gemütsschwankungen neigte, zu Quantensprüngen von manisch zu depressiv. Er selbst führte das auf sein Geburtsdatum zurück: Boltzmann kam in den letzten Stunden der ausgelassensten Nacht zur Welt, kurz vor dem Morgengrauen des Aschermittwochs.
Am zweiten Tag der Fastenzeit ist vielleicht ein Satz aus einer seiner Vorlesungen gefällig: „Alle Versuche, das Universum vor diesem Wärmetode zu erretten, blieben erfolglos, und um nicht Erwartungen zu erregen, die ich nicht erfüllen kann, will ich sogleich bemerken, dass auch ich hier keinen derartigen Versuch machen werde.“
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2008)