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Neu im Kino: "My Blueberry Nights"

(c) polyfilm
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Mit „My Blueberry Nights“ hat Hongkongs Kult-Kunstfilmer Wong Kar-wai seine erste US-Arbeit gedreht. Ein visuell außergewöhnliches Road Movie mit Norah Jones.

Begreift man das Werk des gefeierten Hongkonger Regisseurs Wong Kar-wai für einen Moment kulinarisch – und das sollte schon angesichts seiner Augenfutter-Ästhetik erlaubt sein –, dann ist sein neuer Film My Blueberry Nights wie ein überzuckerter Nachtisch, der bevorzugt in einem kleinen New Yorker Café verzehrt wird.

Eben dort serviert Jeremy (gut aufgelegt: Jude Law) der liebeskranken Elizabeth (Sängerin Norah Jones in ihrer ersten Filmrolle) ein Stück jenes Blaubeerkuchens, der das Leben der beiden Stadt-Drifter nachhaltig verändern wird.

Durchgangsräume sind für Wongs Liebesfilme von Days of Being Wild bis In the Mood For Love, was für Douglas Sirks Melodramen das Einfamilienhaus war: Der einzig mögliche Ort, um eine Geschichte zu erzählen.

Hongkong und seine Bewohner waren und sind von einer steten Unrast gekennzeichnet: Umzingelt von der Volksrepublik China, bis vor kurzem kolonialisiert von Großbritannien – die Suche nach einer eigenen kulturellen Identität war ein maßgebliches Sujet für viele Filmemacher. Auch für Wong Kar-wai, dessen Arbeiten voll sind mit Einsamen und Entwurzelten, die sich in seinen willkürlichen bis labyrinthischen Erzählungen in einem Moment begegnen und gleich darauf wieder verlieren.


Brösel auf den Bardot-Lippen

Auch My Blueberry Nights ist urban, episodisch, poetisch und visuell außergewöhnlich, stellt somit also bis auf die Sprache – es ist Wongs erster Film in Englisch – keinen Bruch mit den Leitmotiven des Regisseurs dar. Eines Abends ist Elizabeth nach dem Kuchenverzehr in Jeremys Café eingeschlafen, Brösel und Glasur kleben auf Mund und Lippen, die plötzlich etwas von der entrückten Schönheit Brigitte Bardots in Godards Die Verachtung haben. Jeremy ist versucht, ihr die Essensreste wegzuküssen: Dieser Moment wird von Wong allerdings erst zum Filmende hin fortgesetzt.

In der Zwischenzeit macht sich Elizabeth (oder wie sie sich in den folgenden Episoden nennen wird: Lizzie und Beth; wechselnde Identitäten eben) auf eine Reise durch die USA: In Memphis arbeitet sie tagsüber als Kellnerin in einem Diner, abends als Barfrau.

Hier wird sie dem Lebens- und Liebesdrama zwischen dem alkoholkranken Polizisten Arnie (großartig: David Strathairn) und seiner Ex-Frau Sue Lynne (Rachel Weisz) beiwohnen. Später lernt sie im Casino in Nevada die Spielerin Leslie (entzückend: Natalie Portman) kennen, mit der sie im Cabrio nach Las Vegas reist.

Anders als in Wongs bisherigen asiatischen Filmen sind diese Zufallsbegegnungen effizienten dramaturgischen Bögen unterworfen: Elizabeth erarbeitet sich darüber ihre Beziehungsreife.

Schmerzhafter noch als dieses Einlenken in narrative Konventionen ist der Versuch des Regisseurs, die USA in Bilder zu zwingen. Neonleuchten, U-Bahn-Geratter, Highways und verrauchte Bars vermengen sich ähnlich wie in einigen Arbeiten von Wim Wenders zum oberflächlichen, substanzlosen und vor allem überraschungsfreien Americana-Portfolio.


Sinnbilder und Bildgedichte

Was übrig bleibt, sind haufenweise leere Sinnbilder von verlorenen Schlüsseln und offenen Türen, feine Musiknummern und das eine oder andere visuelle Gedicht: Enttäuschend wenig für einen Weltkinoautor wie Wong, der sich in den Neunzigern anzuschicken schien, das Kino von Grund auf (nämlich in Zeit und Raum) neu zu denken.

In My Blueberry Nights kehrt Elizabeth schließlich einfach zurück in das Café von Jeremy und der magische Moment vom Anfang kann zu Ende geführt werden. Der Blaubeerkuchen wird von den Lippen geküsst, die junge Frau hat ihren Platz gefunden.

Und der Zuschauer? Der steht unter Zuckerschock – und hofft auf ein neues chef d'?uvre von Maître Wong.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2008)