Schuss Glück und Quäntchen Klasse

(c) GEPA (Ingrid Gerencser)
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Warum Unvollendete doch keine Macht des Schicksals sind, das Große verwöhnt und Kleine verhöhnt.

Nicht nur das Match war auf den Kopf gestellt worden, was das Resultat betrifft. Auch das mediale Echo hallte so, als hätte nicht Deutschland, sondern Österreich zwar nicht nach Toren, aber nach Punkten gewonnen. Deutsche Stars wie Lehmann wurden als Problemkinder durch den Kakao gezogen, während wir eine der schönsten Unvollendeten bejubelten und Fortuna verfluchten als Schutzpatronin des Nachbarn. Aber was nützen moralische Siege, wenn man eine mehr als unverdiente auf den Deckel kriegt? Verständlich, dass einem da der englische Torjäger i. R., Gary Linker, einfiel, der sagte: „Fußball ist ein Spiel, in dem 22 dem Ball nachlaufen. Und am Ende gewinnen immer die Deutschen!“

Auch wenn der deutsche Altinternationale, Tirol-Legionär und Tirol-Euro-Botschafter Hansi Müller fand, dass „dieses Ergebnis pervers“ ist, so steckt in dieser Pervertierung auch der harte Kern einer Wahrheit, die man angesichts der 53 besten Minuten der Hickersberger-Ära zwei als Teamchef nicht leugnen kann. Wie immer man es dreht und wendet, das Pech klebt in der Regel stets denen an den Füßen, denen nicht nur ein Schuss Glück fehlt, sondern jenes Quäntchen an Klasse, das Effizienz ausmacht. Und das geflügelte Wort vom Glück des Tüchtigen bestätigt. Bei Waldemar Hartmanns ARD-Stammtisch wurde angesichts verjuxter Chancen von Linz und Co hochgerechnet, wie viele Tore sein TV-Gast Krankl daraus gemacht hätte. Verständlich, aber sinnlos. Von solchen Hypothesen bis zu Dolchstoßlegenden ist's nicht weit. Beides sind Todsünden.

Und kaum wird das Schicksal beklagt, das uns gegen Deutschland verhöhnte, steht im Tennis die nächste Vergangenheitsbewältigung im Duell mit Daviscup-Sieger USA an. Ja, hätte Horst Skoff anno 1990, ebenfalls im Stadion, den Sack zugemacht gegen Chang, wäre die Sensation perfekt, er nicht Buhmann gewesen, hätten wir nach Sternen greifen und Geschichte schreiben können statt einer Unvollendeten nachweinen müssen.

Aber mit Big Points, die man nicht macht, verhält es sich wie mit Toren, die man kassiert, wenn man sie nicht schießt. Sie machen Giganten, die wanken, wieder stark, und alles, was vorher war, zum Muster ohne Wert. Zurück bleibt da wie dort die Hoffnung, dass dank vereinter Kräfte, verlängerten Atems, Leidenschaft und Fans, die hinter Mann oder Mannschaft stehen, sich der Kreis schließt. Und das Runde, ob groß oder klein, nach „Muster-Beispielen“ doch noch ins Eckige findet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2008)


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