Filmfestival. Bei der Eröffnung der 58. Berlinale stahlen die Rolling Stones den deutschen Filmstars die Show. Die Party fand aber ohne sie statt.
So dezent kennt die Welt die vier älteren Herren sonst nicht – außer vielleicht Gentleman-Drummer Charlie Watts, den Inbegriff des britischen Landlords. Dünne Klangfetzen wehen über den zugigen Marlene-Dietrich-Platz. Doch was als Soundtrack den großen Auftritt auf dem roten Teppich orchestrieren soll, erschließt sich nur dem einigermaßen geschulten Ohr als Rolling-Stones-Hadern. Die Ouvertüre zur Gala-Premiere von „Shine A Light“, Martin Scorseses Konzertfilm über die Stones, stellt die Zaungäste auf eine harte Probe.
Die durchgefrorenen Hardcore-Fans und Autogrammjäger, die bereits am Vormittag vor dem Berlinale-Palast in den Hochhausschluchten des Potsdamer Platzes Stellung bezogen haben, lassen sich indes nicht verdrießen. Ganz vorne schwingt einer den Union Jack, aus dem sich eine ausgestreckte Zunge stülpt. Zwei 18-jährige Mädchen schlürfen Tee aus der Thermoskanne, und für Ulli Schröder ist heute ohnehin Feiertag. „Ich bin Fan von Beruf“, sagt der 58-jährige Niedersachse, der eigens seine Festtags-Kostümierung angelegt hat: Zylinder und einen über und über mit Devotionalien und Buttons geschmückten Frack, an dessen Revers eine Keith-Richards-Fratze haftet.
Auf dem roten Teppich geben die Stars und Sternchen der Film- und Fernsehbranche unterdessen die Staffage ab. Die Rock-Veteranen haben sie heute zu Nebendarstellern und Komparsen degradiert. Erst als Martina Gedeck vor der Meute posiert, geht ein Raunen durch die Menge. Aber sie hat Konkurrenz: Unter dem Gebrüll der Paparazzi nestelt Heike Makatsch an ihrem Dekolleté.
Die Creme de la Creme des deutschen Films ist beinahe vollzählig erschienen: die junge Garde um Moritz Bleibtreu und Daniel Brühl; Grandseigneurs wie Armin Müller-Stahl; oder der spitzbübisch grinsende Henry Hübchen. Nur Robert De Niro, dem sein Freund Scorsese am Vorabend in Berlin die „Goldene Kamera“ verliehen hatte, gab der Berlinale einen Korb.
Doris Dörrie und Senta Berger huschen durch den Nebeneingang, während Alexandra Maria Lara, Jessica Schwarz oder auch Hannelore Elsner auf dem roten Teppich defilieren. Und auch TV-Köchin Sarah Wiener genießt in Begleitung ihres Freundes Peter Lohmeyer ihre 30 Sekunden im Rampenlicht. Höhnisches Gelächter dagegen für „Mutter Beimer“ alias Marie-Luise Marjan.
Küsschen links, Küsschen rechts: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick nimmt die Gäste in Empfang. Goldie Hawn, ganz Hollywood-Profi und deklarierter Stones-Fan, schneidet Grimassen. Auch die eher spröden Rockstars Patti Smith und Neil Young interessiert, in welches Licht Großmeister Scorsese die verwitterten, zerfurchten Alt-Rocker taucht. „Die Berlinale rockt“, so lautet auch das Motto der diesjährigen Filmfestspiele.
Kreischen, schrille Schreie und „Charlie“-Sprechchöre ertönen, als dann endlich die Limousinen der Ehrengäste vorfahren. „Mick hat gewunken“, stößt eine Schülerin hervor. „Wer hätte das gedacht: Die Stones im schwarzen Anzug“, wundert sich ein Fan. Ein anderer will derweil für 500 Euro noch ein Premieren-Ticket verschachern. Unter dem Gejohle hampeln Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood herum.
Nach dem Gruppenfoto mit „Marty“, ihrem Regisseur mit dem Zug ins Obsessive, lassen sie drinnen im Glaspalast die Reden über sich ergehen. Schnell holen sich die Hauptdarsteller des Eröffnungsfilms noch einen kleinen Ehrenbären ab – und rauschen gleich wieder davon. Die offizielle Berlinale-Party geht ohne Jagger & Co über die Bühne – sehr zur Enttäuschung der geladenen Fans und der grünen Fraktion um Claudia Roth und Joschka Fischer, den laut Eigendefinition letzten „Live-Rock'n Roller der deutschen Politik“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2008)