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"Clavigo": Heulsusen und Knallchargen

(c) Reuters (Herbert Neubauer)
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Volkstheater. Stephan Müller reduziert Goethes „Clavigo“ zynisch auf ein Lustspiel.

Wie ungleiche Zwillinge treten die Höflinge Clavigo (Raphael von Bargen) und Carlos (Michael Wenninger) auf die leere, zum Publikum abschüssige Bühne, schwankend der eine mit geckenhafter Hose und Rüschenhemd, planvoll bestimmt und zynisch der andere im Nadelstreif (Kostüme: Birgit Hutter). Sie wollen ganz nach oben. Wie diese Yuppies den Aufstieg planen, wie sie dabei turnend und hüpfend miteinander umgehen, hat etwas Lustspielhaftes.

Clavigo hatte der armen Marie von Beaumarchais (Luisa Katharina Davids) die Ehe versprochen, Carlos redete ihm ein, dieses hinderliche Versprechen zu brechen, nun ist der Bruder der Entehrten (Günter Franzmeier) nach Madrid gekommen, um die Schwester zu rächen, Clavigo bloßzustellen. Schon schwankt der wieder, es kommt zum erneuten Heiratsantrag. Marias Schwester Sophie (Heike Kretschmer) und ihr Mann Guilbert (Thomas Kamper) fallen umgehend in die Rolle der Kuppler, sie jubeln exaltiert, so wie sie auch im Schmerz bei diesem Trauerspiel übertrieben mit den Augen rollen und die Hände ringen.


Verwirrung der Gefühle

Schlag auf Schlag geht es in diesem kurzen, geradlinigen und klaren Fünfakter, den Johann Wolfgang von Goethe mit 24 Jahren aus einer Anekdote von Beaumarchais entwickelt hat – zur gleichen Zeit, als er 1774 den rührseligen und fantastischen Werther-Roman schrieb. Wankelmut und Verwirrung der Gefühle prägten damals Leben und Werk Goethes, Sturm und Drang eben.

Er hat das Zaudern poetisch unübertroffen zu Papier gebracht. Kalkuliert hingegen wirkt die Inszenierung von Stephan Müller, die am Freitag im Wiener Volkstheater Premiere hatte. Souverän ist sie nur an der Oberfläche. Sie beginnt als Farce, verspielt leichtfertig das Tragische mit bequemer Ironie und endet als Schnulze. Das ist ärgerlich. Demonstrative Coolness, die von blanker Hysterie abgelöst wird ersetzt noch nicht eine Idee – deshalb ist dieser Abend zum Teil misslungen und phasenweise trotz seiner Kürze langweilig. Müller ist am Sentimentalischen gescheitert, das heute Modische setzt er hingegen zielsicher und professionell um. Diese kalte Aufführung glänzt wie die Lackschuhe der Herren am Hof.


Gegen die Konvention anrennen

Dennoch sind einige beachtliche Stärken hervorzuheben: Die höfische Musik (Thomas Luz), das Spiel mit dem Licht (Michael Zerz) sind stimmig, das raffiniert simple Bühnenbild (Hyun Chu), aus gigantischen Raufaser- und verschiebbaren, Papier-Zwischenwänden beeindruckt. Raphael von Bargen, der als Titelheld mit sensiblem und variantenreichem Spiel aus dem engagierten Ensemble ragt, rennt vergeblich gegen diese Trennwände der Konvention an. Die Messer, die er in der höchsten Verzweiflung an die Wand wirft, nimmt Carlos entschlossen an sich: das Maliziöse hat Wenninger gut drauf. Die anderen Schauspieler aber werden, weil es halt so schick ist, zu Knallchargen und Heulsusen. Vor allem die Frauenrollen sind platt angelegt, ansatzlos pendeln Marie und Sophie zwischen Hysterie und Hochstimmung. Gefühl ist alles auch für den pubertär wirkenden Buenco (Till Firit), Markus Westphal hingegen darf als Saint George einen kalten Killer spielen.

Die vom Premierenpublikum stark bejubelte Inszenierung hat Goethes feine Tragödie stark reduziert. Eine sensible Auseinandersetzung mit dem Text wurde es nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2008)