Ein Genie? Eher ein Alleskönner, Showmaster, Eventmanager. Überraschend zeitgenössisch.
Er ist der Popstar der Spätrenaissance. Seine lustigen Kompositköpfe kennt heute jedes Kind. Trotzdem war Giuseppe Arcimboldos kunsthistorische Karriere äußerst wechselhaft, stark abhängig von den Moden der jeweiligen Zeit. Kurz nach seinem Tod 1593 starb auch sein guter Ruf, seine Bilder verschwanden in den Depots. Erst im 20.Jahrhundert wurde er wieder entdeckt, vor allem von den Surrealisten. Eine der raren Ausstellungen über den Mailänder Maler, 1987 im Palazzo Grassi, behandelte diesen sogenannten „Arcimboldo-Effekt“. Viele Fragen, vor allem nach seinem Leben und sonstigen Werk, blieben offen.
Wer war dieser groteske Gemüse-Arrangeur und Tierkörper-Verwerter, dieser schelmische Augen-Verwirrer: Leonardeskes Genie oder opportunistisches Scherzkeks? Warum kam er an den Wiener Hof? Wer berief ihn? Sein größter Förderer Maximilian II. oder bereits dessen Vater Ferdinand I.? Und was trieb der Hofmaler, wenn er nicht gerade Fauna und Flora zu menschlichen Zügen schlichtete, um seine Habsburgerkaiser derart staunen zu lassen, dass sie ihn sogar zum Pfalzgrafen erhoben? Ein Vierteljahrhundert diente Arcimboldo an den Habsburger-Höfen in Wien und Prag. Was blieb? Nur 25 bis 30 sicher zuschreibbare Gemälde, bis heute nicht einmal in einem eigenen Werkkatalog erfasst, erzählt KHM-Kuratorin Sylvia Ferino-Pagden.
Der Altbekannte kann noch überraschen
Während der siebenjährigen Vorbereitungszeit ihrer eben abgelaufenen Tizian-Ausstellung hatte sich die Expertin für italienische Malerei zwei Jahre für die Schau über den Meister der 2-D-Kunstkammerstücke abgerungen. Erst wenig enthusiasmiert, war am Ende selbst sie überrascht, auf welch unbekannte Pfade sie der Altbekannte noch zu locken vermochte. So kann sie erstmals öffentlich einen der berühmten Komposit-Köpfe aus Privatbesitz zeigen, der alle Jahreszeiten in einem vereint. Oder seine feinstens aquarellierten Studien exotischer Tiere ins rechte Licht rücken, die gemeinsam mit Zeichnungen anderer Künstler in einen Kodex der Nationalbibliothek eingeklebt sind.
Ferino ordnete einige neu zu, sie entstanden wohl im Auftrag Maximilians als Arbeitsmaterial für Naturwissenschaftler. In seinen Tiergärten frönte er dem aktuellen Lieblingssport der Fürsten: dem Erforschen unbekannter Tiere aus der neuen Welt. Aus Arcimboldos Mailänder Frühzeit ist eine vergleichbare Studie bekannt – vielleicht der Grund für den Ruf nach Wien. Seine Porträtkunst, geschult im Umfeld der ins Provinzielle abgerutschten Mailänder da-Vinci-Nachfolge war es kaum, wie enttäuschende Beispiele zu Beginn der Schau zeigen.
Am ehesten, so Ferino, war es Arcimboldos Ruf als Gestalter opulenter Festzüge. War etwa derart ephemere Produktion – das Entwerfen von Rüstungen, Prunkwägen, Kostümen, Balldekorationen – die eigentliche Hauptaufgabe des Malers? Das würde auch erklären, warum sein überliefertes Werk so überschaubar blieb. Auch von diesen Entwurfszeichnungen wurden einige für die Ausstellung aufbereitet. Im Zentrum aber können natürlich nur seine prächtigen Komposit-Köpfe stehen. Neben den Karikaturen des Hofpersonals, eines sichtlich gefräßigen Juristen etwa, ist ein eigener Saal den mindestens fünf Mal kopierten und stolz quer durch Europa verschickten Jahreszeiten- und Elemente-Serien gewidmet.
Nach diesen opulenten Räumen, die einen absoluten Höhepunkt der Kunst des Capriccios zeigen, verschwimmt der Rest, Arcimboldos Früh- und Kunsthandwerk, in unaufregendem Mittelmaß. Doch selbst mit seiner so eigenwillig wirkenden Komposit-Kunst darf er nicht alleine in seiner Zeit stehen – „der Erste war er nirgends“, bringt es Ferino auf den Punkt. Was mit einem mehr als köstlichen Sujet auf dem Boden des Majolikatellers eines unbekannten Meisters aus dem Jahr 1536, der dem Turner-Preisträger Grayson Perry alle Ehre machen würde, eindringlich gezeigt wird: Ein Kopf aus lauter Penissen, mit keckem Piercing im Ohr!
Trotz leisem Demontage-Verdachts einer Ikone, schafft es diese Ausstellung, den damaligen Zeitgeist so lukullisch wie teils wissenschaftlich wagemutig zu umreißen. Es ergibt sich ein Bild, das in seinen groben Zügen dem heutigen gar nicht so unähnlich ist, wo ebenfalls Kunst und Wissenschaft, aber auch Kunst und Unterhaltung, Spektakel fließend ineinander übergehen.
COMING UP: Ausstellungen
Arcimboldo läuft von 12. Februar bis 1. Juni 2008.Ab 26. Februar sind Schätze aus dem Nationalen Palast-Museum in Taiwan zu sehen.Ab 14. April widmet sich das KHM dem Turner-Preisträger Glenn Brown.
Im Museum für Völkerkunde wird am 9. März die Tutanchamun-Schau von National Geographic eröffnet (bis 28. September).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2008)