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Berlinale: Hochsaison für Jäger und Sammler

(c) EPA (Jörg Carstensen)
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Während des Filmfestivals tummeln sich nicht nur Paparazzi vor den Promi-Lokalen. Jetzt ist auch die beste Zeit für Autogrammjäger.

 

Die letzte Etappe der Jagd beginnt, als die abgedunkelte Limousine aus dem Innenhof des Promi-Restaurants Borchardt auf die Straße rollt, umringt von einer Meute an Paparazzi und professionellen Autogrammsammlern.

Unter der schützenden Hand ihrer Begleiterin duckt sich Hilary Swank, sie krümmt sich auf dem Rücksitz zusammen. Fotoblitze zucken auf, unter lauten Buhrufen zerreißen Fans vor dem Autofenster demonstrativ Fotos der Schauspielerin. Andere springen ins Auto und nehmen die Verfolgung des publicity-scheuen „Million-Dollar-Baby“ auf. „Armselig für einen Hollywood-Star mit zwei Oscars“, kommentiert ein Beobachter die Szene. Feixend vergleichen die Fotografen von „Bild“, „BZ“ und anderen Berliner Boulevardblättern ihre Schnappschüsse.

Die Berlinale ist die Hochsaison der Jäger und Sammler. „Zehn Tage Stress“, sagt Monique, eine Autogrammjägerin aus Hamburg. Zusammen mit ihrem Mann hat die 28-jährige Filialleiterin einer Drogeriekette eigens Urlaub genommen, um ihrer Leidenschaft nachzugehen. An der Ecke Französische Straße/Charlottenstraße steht sich ein Grüppchen Unentwegter bei Temperaturen um die null Grad die Beine in den Bauch. „Heute ist es trocken. Das ist schon einmal nicht schlecht“, tröstet sich einer. Hier ist einer der Hot Spots der Szene: Stars und Möchtegern-Sternchen, Reiche und Schöne gehen im Borchardt ein und aus. Im Umkreis von ein paar hundert Metern vom Gendarmenmarkt herrscht erhöhte Promi-Dichte: im Bocca di Bacco, im San Nicci oder im Luttner & Wegner. Oft bis drei oder vier Uhr in der Früh lauern die Jäger und Sammler vor dem Borchardt auf ihre „Opfer“. Oft vergeblich, denn viele entschwinden durch die Tiefgarage.

Seit Stunden belagern sie nun schon den Eingang und lassen sich auch durch noch so freundliche Aufforderungen nicht aus der „Kampfzone“ verscheuchen. Eine Journalistin kommt aus dem Lokal. „Na endlich mal ein bekanntes Gesicht“, juxt Toni, ein befreundeter Fotograf. „Ich stand gerade mit Hilary Swank am Klo“, erzählt sie. Ein Fressen für Toni. „In Berlin gibts ja sonst kein gutes Material, nicht so wie in den USA oder in London.“ Material – das heißt hochkarätige Stars, mit denen sich viel Geld verdienen lässt. Er packt sein Sandwich aus, nimmt einen Zug aus der Bierflasche. Einer wie Jack Nicholson sei zum Beispiel ganz entspannt. „Er hat draußen geraucht, hat sich hingehockt, ein paar Faxen gemacht und seine Zigarette weggeschnippt. Ich habe ihm sogar Feuer angeboten.“ Manchmal kommen sich Fotografen und Autogrammjäger in die Quere: „Wenn die ein Autogramm kriegen, kriegen wir kein Foto – und umgekehrt“, erklärt der Mann von „Bild“.

„Autogramme sammeln ist harte Arbeit“, behauptet Monique. „Am besten ist es immer noch auf dem Flughafen.“ Sie wühlt in ihrer Umhängetasche und kramt Hochglanzfotos aus dem Internet hervor: „Die müssen immer griffbereit sein.“ Von David Hasselhoff habe sie ihr erstes Autogramm bekommen, jetzt heischt sie nach Natalie Portman – und nach Madonna. „Das wäre das Größte.“


Daniel Day-Lewis gilt dagegen als besonders schwierig. Olaf hat es unter anderem auf die „Nebennebendarsteller“ der Bond-Filme abgesehen. Er hat während eines Urlaubs im Schwarzwald mit dem Hobby angefangen. „Will Smith ist cool und auch George Clooney, der schüttelt einem sogar die Hand. Das Problem ist nur: Bei ihm drängen sich viele ältere Frauen. Am meisten schreibt Tom Cruise.“ Bill Clinton, Mohammed Ali und Sean Connery zählen zu den Prunkstücken seiner Sammlung. Erst unlängst wollte ihm ein Sammler ein Autogramm des toten Schauspielers Heath Ledger abkaufen. Unmöglich sei das, empört sich der 38-jährige Friseur. Es gibt so etwas wie einen Ehrenkodex in der Szene – ungeschriebene Regeln. „Du musst ruhig bleiben, du darfst dich nicht auf die Leute stürzen und – wichtig – ihnen niemals im Hotel nachstellen.“

Viele Stars weigern sich inzwischen, Fotos zu signieren, weil sie fürchten, dass diese auf Ebay verhökert würden. „Ich habe drei der Stones – nur Mick nicht“, freut sich sein Freund Jerome. Für ihn ist die Promi-Jagd „Adrenalin pur“. So viel Zeit wie er kann und will Olaf nicht investieren. Er weiß, dass das Hobby zur Sucht werden kann. „Ich habe schon ein schlechtes Gewissen wegen der Familie. Ich will ja nicht, dass die Ehe in Brüche geht. Und der Job leidet auch darunter.“ Sagt's und braust davon. „Wir fahren zum Teppich. Aber um Mitternacht ist Schluss.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2008)