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Schweden: Ehre bis in den Tod

(c) AP (Julie Howden)
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Mädchen "stürzen" vom Balkon in den Tod, und keiner hat etwas gesehen. Im Norden gibt es immer mehr "Ehrenmorde". Meist steht die ganze Familie hinter dem Mord und versucht alles zu vertuschen

Malmö. Dort, wo das Mädchen auf dem Betonboden aufschlug, brennt ein Grablicht, an die Kellertreppe hat jemand Kunstblumen gesteckt. Vom Balkon des vierten Stocks eines Wohnblocks im schwedischen Malmö ist die 16-Jährige in die Tiefe gestürzt. Sie war sofort tot. Für die Polizei ist die Unglücksstelle ein Tatort. Sie hat den Bruder und den Stiefvater des Opfers unter Mordverdacht festgenommen. Zeugen hatten eine lautstarke Auseinandersetzung in der Wohnung der aus Irak stammenden Familie gehört. Doch niemand hat den Sturz gesehen, die Verwandten bestreiten jede Schuld, und Polizeikommissar Lars-Håkan Lindholm betont, dass man breit ermittle: wegen Mord, Selbstmord oder Unfall.

So ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch der Tod dieses Mädchens als ungeklärt zu den Akten gelegt wird, wie bei der 17-Jährigen, die vor wenigen Wochen in Eksjö beim Fall von einem Balkon umkam. Oder der 16-Jährigen, die auf gleiche Weise in Karlstad starb. Wie überhaupt bei all den „Balkonmädchen“, die in den letzten Jahren in Schweden auf mysteriöse Weise in den Tod stürzten oder schwer verletzt überlebten.

„Eine der Theorien ist, dass es sich um Ehrenmord handelt“, sagt Lindholm über den jüngsten Fall in Malmö, doch die Beweislage ist schwierig. Denn meist steht die ganze Familie hinter dem Mord, die versucht, alles zu vertuschen.

Die neue Welle sogenannter Ehrenverbrechen hat in Schweden erneut eine intensive Debatte ausgelöst, wie man derartige Tragödien verhindern kann, wenn veraltete, patriarchalische Strukturen in gewissen Einwanderermilieus auf das moderne Leben in einer fremden, neuen Heimat prallen.


Ohne Blut an den Händen

Man hat diese Debatte schon einmal geführt, als vor sieben Jahren Fadime Sahindal von ihrem Vater erschossen wurde. Zuvor hatte sie offen gegen die von der Familie diktierte „Ehrenkultur“ aufgelehnt und war zum Idol vieler Einwanderermädchen geworden – ebenso wie die Kurdin Pela.

„Vergiss niemals Pela und Fadime“ heißt heute eine Organisation, die sich gegen die „Ehrengewalt“ richtet. Sara Mohammad, die Vorsitzende, sieht den Tod der „Balkonmädchen“ als Beweis, dass die Familien neue Methoden finden, um die Verletzung ihrer Ehrbegriffe zu rächen, ohne selbst bestraft zu werden. „Man sah, dass Pelas und Fadimes Verwandte ins Gefängnis kamen und versucht, nun geschickter zu sein.“ Ob die Mädchen in den Tod gestoßen werden oder selbst springen, sei gleichgültig. Sie würden gezwungen, sich das Leben zu nehmen, „und die Eltern brauchen sich nicht die Hände blutig zu machen“.


Traditionen durchbrechen

Man dürfe nie ein ganzes Volk oder eine Religion für die Verbrechen einzelner verantwortlich machen, betonen alle Organisationen. Doch es gelte, die patriarchalischen Normen zu brechen, die in gewissen Einwanderergruppen aus Nahost, Asien und Nordafrika sehr stark seien, meint Arhe Hamednaca vom Jugendzentrum „Fryshuset“. Nur den Opfern zu helfen, reiche nicht aus, um der aus missverstandenen Ehrbegriffen entsprungenen Gewalt Herr zu werden. „Wir müssen mit den Einstellungen der Männer arbeiten, mit den Vätern von morgen“, sagt Hamednaca. Im Fryshuset haben junge Einwanderer die Gruppe „Sharaf-Helden“ gegründet. Sharaf heißt Ehre, und die Helden sind die, die verstanden haben, dass sie nicht über das Leben der Frauen bestimmen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2008)