Der Fisch stinkt vom Kopf her

Als ich ein Kind war, läutete einmal um 9 Uhr abends das Telefon.

Das war ungewöhnlich, in meiner Familie waren um diese Zeit die Rollbalken längst unten. Aber an dem Abend läutete es, mein Stiefvater erhob sich mürrisch aus seinem Fernsehsessel und ging an den Apparat. Es war ein Patient. Das hörte ich daran, wie mein Stiefvater sprach, mit dieser ruhigen Psychiater-Stimme. Und noch etwas verstand ich: Dem Patienten ging es sehr schlecht. Mein Stiefvater gab ihm einen Termin für den nächsten Tag.

Ich habe mir gedacht: Und was, wenn er sich in dieser Nacht noch umbringt? Was, wenn mein Stiefvater die Lage falsch eingeschätzt hat?

Darum bin ich nicht Psychologin, nicht Bergführerin, nicht Chirurgin und auch nicht Polizistin geworden, sondern Journalistin. Ich verwechsle schon einmal Tizians „Mädchen im Pelz“ mit Rubens „Pelzchen“. Ich schreibe in meiner Verwirrung von „nordafrikanischen Indianern“. Ich schreibe „in Mantua zu Banden“ anstatt „zu Mantua in Banden“ – obwohl ich Tirolerin bin. Natürlich hoffe ich, dass es jemandem auffällt, bevor es in Druck geht. Aber wenn nicht, dann ist das auch nicht wirklich schlimm – nur blamabel. Jedenfalls bin ich froh, dass es Leute gibt, die es sich zutrauen, Flugzeuge zu fliegen, Menschen aufzuschneiden oder Verbrechen aufzuklären. Und darum bin ich auch nicht bereit, mich sofort zu ereifern, wenn diese Leute einen Fehler machen. Etwa einen Hinweis falsch einschätzen.

Ich erinnere mich an eine Dokumentation über Flugzeugabstürze. Zuerst war immer von „menschlichem Versagen“ die Rede: Der Mechaniker hatte die falschen Schrauben genommen, der Lotse sich missverständlich ausgedrückt, der Pilot die ausgefallene Anzeige nicht bemerkt. Aber dann wurde weiter geforscht – und man fand Gründe für dieses Versagen. Darum untersucht man ja: Nicht, um irgendwem den schwarzen Peter zuzuschieben. Auch nicht, um jemanden zu rehabilitieren: So kann man verhindern, dass sich Fehler wiederholen. Wer Fehlern nicht auf den Grund geht, nimmt die weiteren in Kauf.

Mein Vater, ein Geschäftsmann, hat einmal gemeint: „Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.“ Ich habe keine Erfahrung mit verwesenden Fischen – aber im übertragenen Sinn hat mein Vater sicher recht.


bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2008)

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