Die Schadensummen für alle neun Angeklagten haben sich geändert. Helmut Elsner sitzt genau ein Jahr in U-Haft.
WIEN. Nach Ausdehnung der Bawag-Anklage gelten für alle neun Angeklagten neue Schadensummen. Das sind jene Beträge, die – laut Staatsanwalt Georg Krakow – durch wissentlichen Missbrauch von Befugnissen verloren gingen. Großer Verlierer der modifizierten Anklage ist Helmut Elsner: Er hat ab sofort anstelle von 1,4 Milliarden Euro Schaden den neuen Rekord-Schaden von 2,5 Milliarden zu verantworten. Elsner bleibt aber auch angesichts dieser Vorwürfe dabei: „Ich bekenne mich nicht schuldig.“
Die neue Summe ergibt sich nun aus zwei Spekulationswellen der Bawag – nämlich aus den Karibikgeschäften, die Wolfgang Flöttl noch unter der Schirmherrschaft seines Vaters Walter Flöttl vorgenommen hat (1987 bis 1994) und jenen (schon bisher angeklagten), die Flöttl unter Elsners Ägide durchführte. Wie „Die Presse“ berichtete, vergleicht Krakow die riskanten Währungsspekulationen Flöttls mit Kasino-Besuchen. Dass Elsner und auch dessen späterer Nachfolger an der Bawag-Spitze, Johann Zwettler, wiederholt Bank-Gelder für die riskanten Spekulationen bereit stellten, wird in der Anklage mit einem „gefährlichen Glücksspiel“ verglichen. Für den Investmentbanker Wolfgang Flöttl dürfte der Einsatz der Gelder Business as usual gewesen sein.
Flöttl und die Summe X
Insofern hat sich nun mit der neuen Anklage eine schwer zu verstehende Situation ergeben: Ausgerechnet Flöttl, derjenige, der die Gelder verlor, wird nicht für die alten Karibik-Deals, beginnend in den späten 80er-Jahren (vulgo: „Karibik 1“) verantwortlich gemacht. Flöttl sei zwar ein Risiko-Investor gewesen, dass aber die Bawag mit der Hingabe der Gelder ihre Befugnisse überschritten habe – das habe Flöttl nicht sicher wissen können. Er habe somit Aufträge erfüllt, ohne einen Vorsatz in Richtung des Delikts „Untreue“ zu haben.
Ab wann Flöttl in die Strafbarkeit rutschte, geht auch aus der neuen Anklage nicht klar hervor. Dort heißt es lediglich, dass der Schaden noch „festzustellen“ sei – allerdings wird zu dieser Summe X neuerdings ein Schaden von 20,3 Mio. € zugezählt. Wegen Entgegennahme von Bawag-Geldern im Jahr 2000, obwohl Flöttl „eine Rückzahlung von Anfang an als sehr unwahrscheinlich ansah (...).“
Einen Anhaltspunkt für die mutmaßlich von Flöttl verursachten Schäden gibt es: Wie berichtet, hat Flöttl ein Teilgeständnis wegen Beihilfe zur Untreue abgelegt. Es umfasst einen Bawag-Kredit im Umfang von 90 Mio. Dollar.
Weniger Schaden für Weninger
Der „Gewinner“ der neuen Anklage ist Ex-Bawag-Aufsichtsrats-Boss Günter Weninger. Sein Beitrag zur Untreue bezieht sich laut neuer Anklage auf einen Schaden von 392 Mio. €. Bisher wurde ihm ein Schaden von 505 Mio. € vorgeworfen. Auch der mitangeklagte frühere KPMG-Prüfer Robert Reiter hat ab sofort nicht mehr eine ganz so große Last zu tragen: Der Schaden wurde von 505 Mio € auf 444 Mio. reduziert. Diese Ziffer, 444 Mio., ist auch gleichzeitig jene – einheitliche – Summe, die nun den Ex-Vorständen Christian Büttner, Hubert Kreuch und Josef Schwarzecker zur Last gelegt wird.
Nach oben wanderten die angeklagten Untreue-Schäden wiederum bei Ex-Bawag-Vorstand Peter Nakowitz (er galt als die rechte Hand Elsners): von 1,4 auf 1,6 Milliarden Euro. Einen leichten Anstieg von 1,4 auf 1,5 Mrd. muss auch Zwettler hinnehmen.
Während nun wohl bei allen Angeklagten in der verhandlungsfreien Semesterferien-Woche das große Rechnen einsetzt, hat Helmut Elsner als einziger einen weiteren Grund, über Zahlen nachzudenken. Unter scharfen und wiederholten Protesten seines Anwaltes Wolfgang Schubert sitzt der bald 73-Jährige als einziger Angeklagter in U-Haft. Und das seit ziemlich genau einem Jahr.
U-Haft seit 14. Februar 2007
Elsner war am 13. Februar 2007 nach monatelangem Rechtsstreit von Südfrankreich nach Wien ausgeliefert worden und wurde hier sofort in Haft genommen. „Elsner ist nicht freiwillig mitgekommen“, erklärte damals Staatsanwalt Georg Krakow vor Journalisten.
Der Ex-Banker war bereits im September 2006 in seinem Haus in Mougins in Südfrankreich verhaftet worden, wehrte sich aber bis zuletzt mit medizinischen Gutachten gegen seine Auslieferung. Nach nur wenigen Tagen in einem französischen Gefängnis hielt sich der pensionierte Banker abwechselnd in seiner Villa und in französischen Spitälern auf.
Fünf Monate nach seiner ersten Verhaftung in seiner Villa in Aix-en-Provence war Elsner dann doch von Frankreich nach Wien ausgeliefert worden. Zwei Ärzte hatten ihn im Auftrag der französischen Staatsanwaltschaft untersucht – und die Transportfähigkeit bescheinigt. Unter höchster Geheimhaltung wurde Elsner nach Wien geflogen. Am 14. Februar 2007 wurde wegen Fluchtgefahr U-Haft verhängt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2008)