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Berlinale: King Khan, König aus Bollywood

(c) Reuters (Johannes Eis)
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Nicht die Stones, sondern der Inder Shah Rukh Khan hat die meisten Fans in Berlin. Er sagt von sich, er sei „der Knopf, der Frauen zum Weinen bringt“.

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick war vorgewarnt. Die Telefondrähte aus Indien liefen heiß, die Internet-Leitungen glühten: 30.000 Anfragen gingen ein, die Tickets waren binnen weniger Minuten ausverkauft. „Karawanen aus Neu Delhi sind auf dem Weg“, witzelte Kosslick, und es war nur leicht übertrieben.

Shah Rukh Khan, der Superstar des indischen Kinos, den die „Welt“ als „Supernase von Bollywood“ bezeichnet, hatte seine Fans schon vorab in Ekstase versetzt – und die Rolling Stones damit um Längen geschlagen. Heerscharen von Fans sind seinetwegen zur Berlinale gepilgert. Es war aber beileibe nicht nur die indische Fangemeinde im deutschen Exil, die mobil machte und vor der Europa-Premiere von „Om Shanti Om“ (Regie: Farah Khan) indische Liebeslieder trällerte und Luftballons in den indischen Nationalfarben schwenkte. In Indien hatte der Film alle Rekorde gebrochen. Aus Offenbach, aus Braunschweig, aus Pforzheim mischten sich deutsche Frauen, Twenty-Somethings und Mittvierzigerinnen, unter die kreischenden Anhänger von „King Khan“. Kaum eine, die nicht ein Foto oder ein Poster des 42-Jährigen dabei hätte und es gar nicht lustig findet, deswegen belächelt zu werden.

Khan weiß um seine Wirkung: „Hier in Europa habt ihr Knöpfe für alles, für den Mixer, für die Heizung. Ich bin der Knopf, der Frauen zum Weinen bringt.“

Dabei hält sich „SRK“, so sein Kürzel in Indien, selbst nicht für attraktiv: zu klein, zu dunkelhäutig, zu große Nase, die Haare eines Bären – dazu noch Moslem und somit nicht aus dem Hindu-Establishment der indischen Filmindustrie. Privat überwand der aus einer muslimischen Familie stammende Khan die Schranken, als er 1990 eine Hindi gegen die massive Gegenwehr ihrer Familie heiratete – und zwei Kinder mit ihr bekam.


Seine Karriere illustriert geradezu märchenhaft die Traumwelt seiner Filme, eine dreistündige knallbonbonbunte Mischung aus Melodram, Tanz, Traumsequenzen und explodierenden Farben. In Bollywood, der Filmkapitale Bombay, hatte er als Bösewicht begonnen, bevor er zum Publikumsliebling aufstieg und die eigentlichen Stars in den Schatten stellte. In Filmen wie „Sometimes happy, sometimes sad“ gelang dem Herzensbrecher der Durchbruch zum Megastar. Innerhalb von nicht einmal 20 Jahren hat er 60 Filme abgedreht. Dass der heute 42-Jährige in seiner Heimat die indische Version von „Wer wird Millionär“ moderiert, hat seinen Status noch potenziert. Er ist zur Projektionsfigur einer boomenden Nation geworden; zum Vorbild für alle, die nach oben streben. Inzwischen wird er aber nicht nur in Asien verehrt, sondern auch in Afrika und der arabischen Welt.

Und auch Hollywood ist auf die Bollywood-Stars aufmerksam geworden. In einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Berlinale zeigte sich Khan selbstironisch: „Spielberg wartet nicht auf mich.“ Schließlich sind ihm seine schauspielerischen Mängel durchaus bewusst: „Ich habe nicht mehr als fünf Gesichtsausdrücke“, hat er einmal eingestanden. Über mehr verfügt allerdings auch Tom Cruise nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2008)