140 Jahre nach der Geburt Egger-Lienz' und 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, zeigt das Leopold Museum eine Retrospektive und beweist, dass Leid sich nie ändert.
Wild entschlossen, den Tod schon im Gesicht. So schreiten sie los im „Totentanz von Anno Neun“, so lässt sich die Bauerngruppe widerstandslos leiten, vom siegessicheren Skelettgevatter. Mit vereinter Kraft und doch individuell, eine Art proletarische Version von Rodins Bürger von Calais. Mit körperlicher Wucht und doch tänzerisch elegant, wie die heimeilenden Bergleute in Constantin Meuniers Bronzerelief. Beide Werke hat Egger-Lienz aus seiner Wiener Zeit gekannt. Beide haben ihn inspiriert. Sein Stil bleibt dennoch einzigartig, macht den Tiroler zu einem der großen Modernen Österreichs, mit Gerstl und Kubin zählt Rudolf Leopold, sein begeisterter Sammler, ihn zum dritten großen Einzelgänger des Landes.
Für die posthume Vereinnahmung seiner Monumentalität durch die Nazis konnte er nichts, auch nicht, dass seine Werke heute Gegenstand zahlloser Restitutionsforderungen sind. Obwohl Egger-Lienz selbst vielleicht opportunistisch genug gewesen wäre, diese damalige Beliebtheit wirtschaftlich auszunützen, enthebt sein Tod 1926 ihn jeglicher Mutmaßungen. Und seine nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Antikriegs-bilder wie das „Finale“-Leichenfeld – von den Nazis natürlich nie ausgestellt – geben eine gewisse ideologische Sicherheit.
Es geht ihm nur um die Form, sagt er
Heute gilt Egger-Lienz als rehabilitiert, was man auch an den Marktpreisen erkennen kann. Man kann sich also, wenn auch nicht getrost, anderen Aspekten zuwenden. Was in der großen Retrospektive, die ihm zum 140. Geburtstag das Leopold Museum ausrichtet, bestens gelingt. 180 Werke stehen hier zur Verfügung, damit endlich erkannt wird, was Egger-Lienz selber sagte, aber man selbst bis zum Schluss der Ausstellung nicht glauben will: Dass es ihm nur um die Form ging.
„Ich male keine Bauern, ich male Formen“, lautete sein Spruch, mit dem er wohl versuchte, sich aus dem ländlichen Eck ins internationale Geschehen zu theoretisieren. Aber was sollen dann diese Motive, die einem den Atem nehmen vor Bedrückung, Schmerz, Leid und Entsetzen: diese tieftraurige Isolation voneinander in „Mann und Weib“ (1910), diese kollektiv vereinsamenden „Alten“, in deren Mitte schon der Tod kauert (1914), die klagenden „Kriegsfrauen“ (1918/22), deren ganzer Umraum einzustürzen scheint. Und erst die „Mütter“ – anstatt einer künstlerisch misslungenen dritten Frau legte Egger-Lienz ein riesiges Kruzifix quer durch das Zimmer. Völlig haltlos scheint es zu schweben, völlig irreal drückt es Schicksal, aber auch Hoffnung aus für Frauen und Kinder.
Sie sind es nämlich, auf die der letzte Bauer im „Totentanz“ zurückblickt. Man sieht sie nur nicht mehr, nur auf einer (nicht in der Ausstellung vertretenen) Vorzeichnung. Da muss man gar nicht an den Tiroler Freiheitskampf denken, den der Maler sich 100 Jahre später zum Vorwand für den „Totentanz“ nahm. Das Leid des Kriegs ist heute kein anderes. Egger-Lienz gelangte durch radikale Reduktion der Formen zu dem Pathos, das er brauchte, um Symbolbilder für menschliches Leid zu schaffen. Das Malen des Glücks und der Lust, das sieht man auch an seinen immer irgendwie traurig wirkenden Kinder- und Selbstporträts, überließ er anderen.
Eher war Egger-Lienz noch Provokateur, wie seine mit Kirchenbann versehenen Fresken für die Lienzer Kriegergedächtniskapelle (1925) zeigen, der Auferstandene trägt einen äußerst knappen Schurz. Naja. Einfach umwerfend aber ist das Ölbild der „Pietà“, das ohne doppelte Unterstreichung in der Ausstellung noch besser funktioniert hätte, also ohne vom konventionellen Frühwerk umgeben zu sein: Mitten am Bauerntisch liegt ein Leichnam. Zwei Männer, in sich gekehrt, wachen regungslos. Nur die Frau, ihr Gesicht zeigt einen Hauch von Gefühl. Fast spürt man körperlich ihre Anstrengung, nicht ihren linken Arm auszustrecken, um den Leichnam zu berühren. Aber sie darf nicht. Er ist einer von uns und auch wieder nicht. Selten hat das jemand so gemalt wie Egger-Lienz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2008)