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Stammzellen: neuer Weg, alte Debatte

(c) AP
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Fortschritt in Labor in Japan, Streit im deutschen Bundestag.

Bei den Stammzellen ist Shinya Yamanaka (Kyoto) ein wichtiger Schritt gelungen – hin zur Herstellung pluripotenter Zellen ohne Zerstörung von Embryos. Zugleich lief gestern im deutschen Bundestag eine Debatte über die künftige Regelung des umstrittenen Forschungsfeldes. Solche Debatten wären, wenn Yamanakas Forschungen weiter halten, was sie versprechen, irgendwann überflüssig, denn sie drehen sich immer um den traditionellen Weg: Dabei gewinnt man pluripotente Zellen aus Embryos – die Zellen heißen dann embryonale Stammzellen (ES) –, die Embryos werden zerstört, das ist das ethische Problem.


Yamanaka will es umgehen, er ist auf dem Königsweg: Er will pluripotente Zellen aus gewöhnlichen, differenzierten Körperzellen gewinnen, etwa aus Zellen der Haut. In sie bringt man Gene ein, die die Differenzierung rückgängig machen, die Zelle verjüngen („genetisch reprogrammieren“). Das Ergebnis sind wieder pluripotente Zellen, sie heißen ihrer Herstellung wegen nur anders, induzierte pluripotente Stammzellen (iPS). Dass das geht, zeigte Yamanaka letzten Sommer.
Aber auch der Königsweg ist steinig:. Alle pluripotenten Zellen – ES und iPS – haben ein Problem: Sie bilden, sofern man sie als pluripotente Zellen in einen Organismus bringt, Tumore. Nun will niemand pluripotente Zellen transplantieren, man will aus diesen Zellen wieder differenzierte machen, Hirnzellen etwa die sollen transplantiert werden und gegen Altersdemenz helfen. Aber: Zum Transplantieren braucht man Millionen Zellen – und keine einzige davon darf noch pluripotent sein.

Tumor-Sorge unbegründet


Das ist das gemeinsame Problem, iPS haben ein zusätzliches, es geht wieder um Tumore: Die verjüngenden Gene müssen in die Zellen hineingebracht werden, mit Genfähren. Dazu nimmt man Retroviren, die setzen sich (und ihre Fracht) in das Genom der Zielzellen. Aber sie dürfen sich nirgend hinsetzen, wo sie Tumore auslösen könnten. Das war die Sorge. Sie ist unbegründet, Yamanaka hat es nun gezeigt, an verjüngten Leber- und Darmzellen (Science, 14. 2.).
Der Weg ist trotzdem noch lang, derzeit arbeitet die Forschung mit ES (nicht mit iPS). Über die Regelung dieser Forschung lief gestern eine Grundsatzdebatte im Bundestag. Derzeit ist die Gesetzeslage in Deutschland so: ES dürfen nicht produziert werden, aber (1): Man darf (auf Antrag) an ES forschen, die in anderen Ländern produziert wurden. Aber (2): Sie müssen vor dem 1. Januar 2001 produziert worden sein („Stichtagsregelung“). Damit sind alle unzufrieden, die Forscher wollen eine Freigabe – oder zumindest einen neuen Stichtag –, Kirchen und andere ein Verbot.
Das spiegelte sich in der Debatte, vier Anträge lagen vor, nicht entlang von Parteigrenzen, Befürworter und Gegner sind überall: Für eine Freigabe der ES-Forschung (Streichung des Stichtages) haben 92 Abgeordnete unterschrieben, für ein Verbot etwa 50. Alles beim Derzeitigen lassen wollen 150 Abgeordnete, und die größte Gruppe – 185 – will eine einmalige Verschiebung des Stichtages auf 1. Mai 2007. Die Debatte war heiß, sie wird sich noch steigern, bis Mitte März. Dann wird abgestimmt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2008)