Bis zu 20 Millionen Dollar kostet ein „Cottage“ der russischen Geldelite. Eigene Wachposten, meterhohe Mauern und Schlagbäume sind die Insignien ihrer Macht. Die Moskauer „Rubljovka“: vom Leben im Ghetto der Milliardäre.
Rubljovka“ – offiziell „Rubljovo-Uspenskoe Chaussee“ – heißt die Moskauer Überlandstraße, die vom Kreml 30 Kilometer nach Westen führt, vom Zentrum der Macht zu dem prestigeträchtigsten Wohngebiet der Stadt. Präsident Putin und seine Familie residieren hier, genauso wie – bis zu dessen Inhaftierung – sein politischer Kontrahent Chodorkowskij an der „Rubljovka“ ansässig war. Doch während der frühere Ölmilliardär gerade seine achtjährige Gefängnisstrafe in Sibirien verbüßt, ist Putin an der „Rubljovka“ höchst präsent. Die Strecke, die er täglich zum Kreml zurücklegt, kann als die bestbewachte Straße Russlands gelten. Der Konvoi des Präsidenten sorgt für ein sich regelmäßig wiederholendes Schauspiel: Alle anderen Autos werden zum Stillstand gezwungen und hektisch von der Straße gedrängt. Erst nachdem das Gewittergrollen der vorbeirasenden Präsidentenfahrzeuge samt Eskorte verklungen ist, darf das Leben weitergehen.
Naheliegend, dass die „Rubljovka“ auch zur bevorzugten Adresse der vom Kreml geduldeten Oligarchen wurde. Sie haben dort die Immobilienpreise in exorbitante Höhen getrieben. Zehn bis zwanzig Millionen Dollar beträgt der Preis für ein „Cottage“ der russischen Geldelite. Eigene Wachposten, meterhohe Mauern und Schlagbäume sind die Insignien ihrer Macht.
Auch die glitzernde Welt der russischen Medien- und Unterhaltungsindustrie ist hier vertreten. Aus einem der parkähnlichen Gärten ragen überlebensgroße Bären im Comicstil auf, in anderen sind Showbühnen für Society-Partys aufgestellt. Aus der Luft betrachtet, nimmt sich dieser von der Allgemeinheit abgeschottete Mikrokosmos wie eine Spielzeugstadt aus. Die aneinandergereihten Grundstücke und Pseudo-Landhäuser mit ihren Erkern, Türmen und Springbrunnen bilden ein geschlossenes Ganzes. Grenzen die einfachen Häuschen der Dorfbewohner an dieses Ghetto an, sind sie gefährdet, zum Objekt der Begierde von Immobilienhaien zu werden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass den Besitzern solch begehrter Grundstücke oft nahegelegt wird, ihr Haus gegen eine andere Wohnadresse weit weg von Moskau zu tauschen. Im Falle einer Weigerung wird das eine oder andere Haus bisweilen in Brand gesteckt, wobei der jeweilige Löschtrupp sich regelmäßig durch Verspätung auszeichnet.
Nicht zuletzt diese Ausflüsse eines Raubtierkapitalismus kommen in der Dokumentation „Rubljovka“ der russlanddeutschen Regisseurin Irene Langemann zur Sprache – ungeschminkt, denn das Drehteam brachte nicht nur die Reichen und Schönen der russischen Metropole vor die Kamera, sondern auch Anrainer, die ihrer Empörung über die erwähnten Praktiken Luft machen. Der Film begleitet Protagonisten durch den Alltag, ohne ihre Aussagen zu kommentieren oder gar zu werten. Szenen und Sequenzen sind untereinander verwoben oder kontrastieren miteinander – ein Kontinuum an Sinneseindrücken.
Eine Art roten Faden in diesem Kaleidoskop bilden die Aussagen eines Kindes, des zwölfjährigen Jermolaj Romanov. Unbefangen erzählt er, was ihn an der „Rubljovka“ bewegt und stört, was er von Russland weiß und wie er Demokratie versteht. Seine Worte stehen am Anfang und am Ende des Films. Sie mögen teilweise altklug oder von der Erwachsenenwelt beeinflusst sein. Zu denken geben sie allemal, und sie bilden die Klammer um jene seltsame Welt der Gegensätze, von der der Film erzählt. Der Gegensätze zwischen Leben im Luxus und Leben am Existenzminimum.
„Pelztherapie“, „Mini-Versailles“
Als Protagonistin, die die Prominenz der „Rubljovka“ repräsentieren sollte, hatte man ursprünglich die russische Oligarchenwitwe Oxana Robski gewonnen. Kurz vor Drehbeginn jedoch war man mit der plötzlichen Absage der kapriziösen Dame konfrontiert, die – inzwischen in Russland zum Medienstar avanciert – nunmehr viel zu beschäftigt für einen deutschen Dokumentarfilm war. Auch andere Protagonisten zogen zurück. So war man binnen kurzer Zeit gezwungen, etliche neue Protagonisten zu finden, und vielleicht wurde gerade dieser (ungewollte) Verzicht auf Extrembeispiele zu einer Stärke des Films. Findet die gängige Russland-Berichterstattung meist mit der binären Farbpalette Schwarz und Weiß das Auslangen, so entsteht hier doch ein bunteres Bild der russischen Gesellschaft – auch was deren superreiche Oberschicht betrifft.
Ein interessanter Typ Frau tritt uns etwa in der Modeschöpferin Helen Yarmak entgegen. Der früheren Mathematiklehrerin ist es gelungen, ein florierendes Unternehmen für die oberen Zehntausend der russischen Gesellschaft aufzubauen. „Pelztherapie ist unsere Ideologie“, fasst sie die psychologische Befindlichkeit gestresster russischer Manager zusammen. Auf ganz andere Weise beeindruckt eine Immobilienmanagerin, der nicht nur ein Team männlicher Untergebener respektvoll untersteht, sondern auch der Haushalt eines schlossartigen Anwesens, „Mini-Versailles“ genannt.
Nicht weniger stark müssen in Russland die Frauen der Unterschicht sein: Die 70-jährige Rentnerin Ljubov, „Ureinwohnerin“ an der „Rubljovka“, bringt mit ihrer Pension gerade einmal sich selbst und ihre Katzen durch. Im Garten befinden sich der Waschplatz, ein Ziehbrunnen und ein zerbrochener, Spiegel: „Das ist mein Schönheitssalon“, sagt Ljubov lakonisch.
Nicht nur Reich und Arm, auch Gegenwart und Vergangenheit prallen an dieser Straße aufeinander; eine dynamische, schillernde und gleichzeitig verkehrsgeplagte Gegenwart trifft auf die vergangene Welt alter Moskauer Vororte wie Buzaevo, Zhukovka oder Nikolina Gora. Denn die „Rubljovka“ ist ein traditionsreiches Stück Moskau, das schon zu Zarenzeiten als landschaftlich reizvoll und umso mehr in der Sowjetzeit als prestigebehaftetes Territorium galt. Seit den Dreißigerjahren residierten hier Parteivorsitzende, Minister, Politbüromitglieder.
Pomp statt Geistesleben
Ebenso bekam die wissenschaftliche und künstlerische Elite des Landes – für ihre Verdienste mit Datschen belohnt – die Möglichkeit, sich in dieser Gegend anzusiedeln. Seit jenen Tagen hat sich freilich nicht nur geschichtlich, sondern auch räumlich an der „Rubljovka“ einiges verändert, wovon das Schicksal eines besonderen Hauses zeugt – jenes des Atomphysikers und Menschenrechtlers Andrej Sacharow. Immobilienmanager haben es nach Sacharows Tod erworben und entfernen lassen. Das überdimensionale Landhaus, das an dieser Stelle entstand, erinnert in nichts mehr an den Nobelpreisträger – aussterbendes Geistesleben im Abtausch gegen neureichen Pomp.
Die Macht des Geldes ist dennoch irgendwie akzeptiert. „Nur noch die Wahlen möchte ich erleben, und dass Putin gewinnt und dass er, wenn möglich, noch eine dritte und vielleicht noch eine vierte Amtszeit hat, um Ordnung im Land herzustellen“, wünscht sich die Pensionistin Ljubov. Ein Paradoxon? Sollten nicht gerade jene, die von Putins Reformen und von der wirtschaftlichen Stabilisierung des Landes am wenigsten profitieren, dem Präsidenten am kritischsten gegenüberstehen?
Mitnichten. Denn erstens profitieren Menschen wie Ljubov zwar kaum, aber eben doch ein wenig von den sprudelnden Finanzquellen der Ölmilliarden: Pensionen und Löhne wurden leicht erhöht und werden wieder verlässlich ausbezahlt. Und zweitens wird jeder, der das heutige Russland bereist, schnell feststellen, dass man hier weniger Probleme mit den Neureichen hat als der Westen. Wer über Russlands Emporkömmlinge diskutieren will, kommt nicht umhin, den Kapitalismus insgesamt in Frage zu stellen. Auch im Westen gibt es eine immer weiter aufklaffende Schere zwischen Mindest- und Spitzenverdienern. Die „Rubljovka“ steht nur für die Zuspitzung dieses Phänomens.
Verstören sollte uns also nicht die Präsenz einer neuen Schicht Superreicher. Verstören sollten ihre Möglichkeiten, für Geld alles zu kaufen und sich ungestraft brutaler Methoden bedienen zu können. „Man hat uns von allen Seiten umzingelt, wie die Indianer im Reservat“, lässt eine Anrainerin ihrer Entrüstung freien Lauf. „Und überhaupt verhält man sich gegenüber dem Volk so, dass man denken könnte, sie wollen uns ausrotten. Damit wir nicht stören.“ Macht und Ohnmacht treffen aufeinander – auch dies einer jener Gegensätze, der die „Rubljovka“ prägt.
Irene Langemann, die einen „politischen Film mit poetischen Mitteln“ drehen wollte, bezieht allein durch die Auswahl ihrer Szenen eine sehr klare Haltung zur politischen Situation in Russland. Eine Haltung, die auch durch die Schwierigkeiten erklärbar ist, die ihr bei den Dreharbeiten in Moskau gemacht wurden. Der Streifen konnte nur entstehen, weil er als russische Produktion getarnt war. Die Geschichte der Ansuchen um Drehgenehmigungen beim FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB, beim Kremlkommandanten, bei der Verkehrspolizei und anderen Stellen würde einen eigenen Film abgeben. Wie weit die Macht des Staates und die Ohnmacht des Volkes an der „Rubljovka“ und im heutigen Russland gehen, ist eine Frage, die Langemann und ihr Film dem Kinopublikum mit auf den Weg nach Hause geben. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2008)