Die Krähen kommen später

Am Rand der Stadt sind die Gleise noch zu sehen. Bis hierher gingen die Züge. Zwei Kinder spielen Krieg, Straßenkampf, das Gesicht vermummt. Wien–Theresienstadt–Auschwitz und zurück: ein Reisebericht.

Der Frühling ist plötzlich auf dem Bahnsteig, die Sonne, der Geruch und auf dem Weg zum Bahnhof das erste Cabrio, als stünde der Sommer vor der Tür, 18. Jänner. Fest stehen nur die Ziele. Theresienstadt und Auschwitz. Auf den Spuren der deportierten Hietzinger Jüdinnen und Juden. Das Damals mit dem Heute vergleichen. Keine Viehwaggons, Reiseproviant bei „Okay“ und bei „Anker“. Alltag eines Reisenden. Pünktlich die Abfahrt, das Arsenal verschwindet, der Baumarkt, Sonnengleise im Gegenlicht, die Donau blau, ganz glatt, bald Felder, Rehe auch. In Auschwitz soll es einen zahmen Fuchs gegeben haben. Und der Vater einer Kollegin musste sich nach einem Besuch im KZ übergeben, er war im Krieg. Und die Kinder einer zweiten Mitarbeiterin meinten: Da will ich nicht mehr hin.

Eine Reise in Erinnerung auch an die Kremser Jüdinnen und Juden. Ich habe nicht alle Namen in Kopf. Die Familie Sachs, die fällt mir ein, und der einzige Überlebende, Abraham, sitzt jetzt in Herzlia in Israel an der Atemmaschine, Sauerstoff 24 Stunden lang. Die Frage der Erhaltung der jüdischen Friedhöfe ist wieder ein Thema. Wer gewinnt, Kärnten oder die Friedhöfe? Die zweisprachigen Ortstafeln oder die Verpflichtung, sich um die jüdischen Friedhöfe zu kümmern? Was wird früher realisiert?

Die Zugansage wird nach der tschechischen Grenze professionell, tschechisch, englisch, deutsch, Schauspieler und Schauspielerinnen freuen sich, dass wir mitfahren, empfehlen das Bistro zwischen den Wagengruppen der ersten und zweiten Klasse. Es ist der Supercity 72 „Johann Gregor Mendel“. Die Lüftung schaltet sich ein, Föhrenwälder. Eine Allee von Apfelbäumen, Obstkulturen, Sonne schräg hinten, ein Auto alleine auf der Landstraße links, Wolkenstimmung, unentschieden ob Zirrus oder Kumulus. Husten, Flüstern, Zeitungsrascheln.

Vor Brünn rechts ein Sonnenfleck als wären es weiße Berge, und im Bahnhof eine Umarmung: Ein Staubmantel wird von ihrem Verehrer so fest gedrückt, dass die Beine den Boden verlieren. Die Zugansage als Hörspiel oder so, wie eben Opernaufführungen angekündigt werden. Der Zug gewinnt an Fahrt. Graffiti, lila Häuser, Architektur wie Raumschiff Enterprise, Kirchtürme, angeschnitten, noch etwas Sonne vor dem Regen. Schrebergärten, Rauchsäulen, der Blick in Pawlatschen, Birkenstämme, ein Wehr schäumt, ein Flussgraben, die Dunkelheit beginnt.

Der Bahnhof in Prag. Nur ein Stehbuffet, die Sitze sind von Obdachlosen besetzt. Weiterfahrt nach Lubovice – einer liest Balzac in unserem Abteil, und der andere spielt mit dem Handy.

In Lubovice ist kein Taxi in Sicht, der Platz ist leer. Ein Mann mit Krücken geht unter der Laterne vorbei, Lacken glänzen. Wir erreichen doch noch das Parkhotel Terezin. Marke Klosterzelle, kahl und sauber. Im Restaurant läuft der Kabelsender, es wird gekocht, den ganzen Abend.


Frühstück im Club der SS

19. Jänner. Frühstück. In der Stille werden die Geräusche laut, wir sind die einzigen Gäste. Der Teppichboden verschluckt die Schritte, doch im Speisesaal, wenn die Gabel auf den Teller gelegt wird, dann ist das ein Knall. Wir sitzen im Club der SS, der Bildschirm ist leer, es hat sich ausgekocht. Freitag ist wahrscheinlich die Zeit der Kochshows im Fernsehen. Und heute, Samstag, wird die Popprominenz einziehen, das weiß ich am Ende dieses Tages, Janis Joplin und Elton John, Jimi Hendrix blicken auf die Palatschinken und die Kartoffelsuppe und das Bier um 90 Cent.

Till, der 24-jährige Gedenkdiener, holt uns ab und geht mit uns durch das Ghetto. Zuerst die Fortifikationsanlage. Eine Festung, gebaut unter Josef II., und all die Mühe und Arbeit für nichts, nicht einmal belagert wurde sie, nutzlos. Die Preußen sind einfach vorbeigezogen. Wir blicken nach rechts und sehen das Sudetenland. Mit den Himmelsrichtungen sind wir am Morgen noch nicht so vertraut, Prag liegt hinter uns, und das heißt südlich. Bis zu 60.000 Menschen waren hier im Ghetto, und heute sind es 2000, die hier leben. Dass es hier ein Ghetto gegeben hat, das wurde in der kommunistischen Zeit verdrängt und verschwiegen. Die Kasernen, bis in die 1990er-Jahre mit tschechischen Soldaten belegt, sind heute leer und die Höfe mit Müll gefüllt.

Am anderen Ende der Stadt sind die Gleise noch zu sehen. Bis hierher gingen die Züge. Von hier gingen auch die Transporte ab. Draußen im Schilf spielen Nutria, sind es zwei oder drei Junge, oder ist da auch ein Onkel dabei? Ungetüme, fast 80 Zentimeter groß, sie werden regelmäßig gefüttert. Die Ration, die hier im Gras liegt, ist ein Vielfaches dessen, womit die Deportierten auskommen mussten.

Gegen 14 Uhr machen wir Halt in einem Beisel, eine Musikbox und Schlager, so als könnte Reinhard Mey auch Tschechisch. Der Kaffee wird im Glas serviert, fast unmöglich zu trinken, meinen Nick, Gabi und Helga. Der Hauptplatz ist ein Ergebnis der Verschönerungsaktion der Nazis, als das Rote Kreuz das Lager besuchte. Wir sehen den Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. Lächelnde Menschen und Rosenbeete. Der Spielplatz neben der Kirche wurde nach dem Besuch wieder geschlossen, die SS-Männer haben den Kindern erst die Funktion von Schaukeln und Wippen erklären müssen. Die Rosenbeete wurden damals gepflanzt. 25 SS-Männer haben ausgereicht, um dieses Lager zu führen.

Im Museum eine Wand, mit Namenslisten tapeziert. Ich suche nach Sachs. Und dann das Datum. Dieses Mädchen hätte morgen Geburtstag gehabt und jener Bursch übermorgen. Finde ich jemanden, der heute Geburtstag hat? Und gibt es jemanden, der am gleichen Tag wie ich feiert?

Ganz im Vertrauen hat der Mann an der Rezeption in Terezin unseren Fotografen Nick gefragt, ob der Direktor kein Auto habe, weil seine Delegation mit dem Zug fahren muss. Er hat es nicht ganz verstanden, warum wir so reisen.

Die Fotos vom Alltag in Terezin heute. Die Kinder sitzen auf der Schaukel, und zwei spielen Krieg, Straßenkampf, schauen um die Ecke, das Gesicht vermummt, die Gewehre selbst gebastelt. Nicht wie jene in den Indianerkriegen, als es noch Cowboys gab, sondern ein Schießprügel nach Art einer Pumpgun.

21. Jänner. Wie lang uns die Zugfahrt nach Auschwitz vorkommt. Nach rund einer Stunde haben wir zu viert ein Sechserabteil und können auch ins Restaurant gehen, doch so gegen 18 Uhr wird jeder auf seine Art unruhig. Vor Auschwitz, die Wolkenfenster sind ganz eng geworden, und kurz ist der Himmel sogar ein wenig rosa. Mehrere Gleise in Auschwitz, ein menschenleerer Bahnhof. Ein Mann fährt vor und erklärt sich sofort bereit, uns bis zum Hotel zu bringen. Geld muss ich ihm aufdrängen. Auschwitz, das ist etwas anderes, zumindest für uns. „Galicia“, ein Drei-Stern-Hotel, Bettdecken, eine große Dusche, wohnlich, und das Restaurant ist auch ansprechend. Die Zeit ist hier stehen geblieben, so sollte ich anfangen, und jeder wird sich bestätigt fühlen. Habe ich es mir doch gedacht. Die Zeit ist stehen geblieben in Auschwitz: Die Weihnachtsbeleuchtung hängt noch. Figuren an den Laternenmasten und Beleuchtung über der Straße mit Kerzen. Der Baum im Hof trägt rote Girlanden, fast wie einen Rüschenrock. Wir bekommen einen Stadtplan, vier Kilometer bis ins KZ, zwei bis ins Zentrum. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Pirogi am Abend. Unerlaubte Witze. Gibt es rund um den Befreiungstag am 27. Jänner, wenn die Fremden kommen, einen besonderen Ausverkauf?


Nonne im Stacheldraht

22. Jänner. Zu Fuß bis ins Konzentrationslager. Der Fluss, die Brücke, der Kreisverkehr, die Reklameschilder, auch Fremdenverkehr, natürlich. Und dann die Einfamilienhäuser. Die Hundestaffel kündigt uns an. Ein Köter übergibt uns mit seinem Gekläff an den anderen, der Zaun ist dazwischen, die Trauerweiden sind gelb, die Sonne scheint uns ins Gesicht, und es ist zu warm für die Jahreszeit, die dunklen Wolken kommen dann doch schneller, und der Wachturm ist plötzlich da – und der Stacheldraht. Kaum war da noch ein Garten, eine Windmühle mit einem gebrochenem Flügel und ein Hundemischling, der so viel Angst hatte, dass er sich nicht einmal bis zum Zaun traute.

Im Stacheldrahtgeviert in der linken Ecke wartet eine Nonne auf den Bus, die Elstern haben wir schon vor dem Hotel gesehen, und die Krähen kommen erst später. Kurz vor Besucherschluss um 15 Uhr fliegen sie nach Hause auf die Bäume, und sie schreien, sehr hoch, höher als bei uns – oder war das nur in den Träumen heute früh.

Im Archiv nach Namen von Hietzingern gesucht. Der Leiter entschuldigt sich, alle seien krank, und er sei fast allein. Penibel sind in den Mappen Zettel mit den Namen gelegt. Bringt das überhaupt etwas? Dann der einzige Name, den ich kenne, ein Name unseres Projektes. Vielleicht funktioniert Empathie so, nur so. Einen vertrauten Namen zu suchen. Vertraut? In meiner Liste habe ich sie schon einmal gelesen. Fast so, als wären sie gerettet jetzt, als wäre jetzt alles gut. Die nackten Daten, ergänzt vielleicht durch die Berufsbezeichnung, ein Mosaikstein mehr, eine Adresse mehr.


Ganz Europa in einem Waggon

Einer bezeichnete sich als Papierfabrikant und lebte nach der Flucht aus Österreich in Nizza. Wer war in den Transporten noch, in denen auch die Hietzinger waren? Berufe, Wohnorte. Und plötzlich ist wieder ganz Europa in einem Waggon zusammengepfercht. Was hätten sie sprechen, sich erzählen können, wenn sie nicht wie Vieh gehalten worden wären, wenn sie nicht den Tod vor Augen gehabt hätten.

Die Listen als Stütze für Fantasien, für selbst gestrickte Statistik. Wie viele Wiener waren noch auf dem Transport? Eine andere Form der Selektion an der Rampe, die Selektion, die die Historiker vornehmen an ihrem Schreibtisch: Bitte alle Jahrgang 1891 vortreten und alle, die in Sternberg geboren sind. Haben Sie sich etwas zu sagen? Bitte einer nach dem anderen sprechen.

23. Jänner. Zu Fuß auf dem Weg nach Birkenau, eine Fabriksruine rechts, eine Autobusgarage. Die Bahngleise, vier, fünf parallel, flacher könnte das Land nicht sein. Alle Baracken, die offen sind, besuche ich, Besichtigung. Inschriften, gekratzt: „Paola 2006“. Jugendliche verewigen sich hier. An der Wand der Schriftzug: „Sauberkeit ist unsere Pflicht“. „Sei ruhig“. Wie hält ein Jugendlicher ein Fünf-Tage-Auschwitz-Seminar aus? In den Besucherbüchern von Theresienstadt stand zu lesen: „Free Palästina. Fuck Israel.“

Die Reise nach Wien werde ich nicht dokumentieren, warum auch? Diese Fahrt hat fast keiner gemacht.

Zurück fahren wir bei Tag, der Bahnhof liegt ganz nah bei Birkenau, und von ferne sehen die Wachtürme und Baracken wie Schrebergartenhütten aus.

Nach nur fünf Stunden sind wir wieder in Wien. Der Reiseplaner von Michelin sagt mir: 391 Kilometer. Von Wien nach Innsbruck sind es fast 90 Kilometer mehr. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2008)