Zittern vor der Steuer-Razzia

(c) AP (Frank Augstein)
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Eine riesige Steueraffäre kommt auf Deutschland zu. Bei den Ermittlungen gegen Post-Chef Zumwinkel sind die Behörden auf mehr als tausend mögliche Steuerbetrüger gestoßen.

BERLIN. Das große Zittern geht um in den Villenvierteln der deutschen Großstädte. Hinter gestutzten Hecken in Köln, Düsseldorf, Stuttgart, München, Frankfurt, Hamburg oder Berlin bangen die "Leistungsträger" vor einer Hausdurchsuchung, wie sie Post-Chef Klaus Zumwinkel im Morgengrauen widerfahren ist, als er Donnerstagfrüh ungebetenen Besuch der Steuerpolizei bekommen hat.

Die Razzia in Zumwinkels Domizil war der Auftakt für einen packenden Wirtschaftskrimi. Denn der Spitzenmanager ist nur die Spitzes eines Eisbergs von Steuerbetrügern, und eher durch Zufall wurde er ihr erstes Opfer: Mehr als tausend mehr oder weniger prominente, jedenfalls aber wohlhabende, unbescholtene Stützen der Gesellschaft sind im Visier der Steuerfahnder. Laut der "Süddeutschen Zeitung" sollen rund 3,4 Mrd. Euro Steuergeld über Liechtenstein hinterzogen worden sein.

"Haben die LGT-Bank geknackt"

Die Staatsanwaltschaft Bochum hat unter Vermittlung des Bundesnachrichtendienstes eine CD voller Namen von der liechtensteinischen LGT-Bank aus dem Finanzimperium des Fürsten Hans-Adam zugespielt bekommen. "Wir haben die ganze Bank geknackt", frohlocken die Ermittler. Schon in den 90er Jahren sind sie den Klienten des liechtensteinischen Vermögensverwalters Herbert Batliner auf die Schliche gekommen - darunter der Springreiter Paul Schockemöhle oder der mittlerweile verstorbene Industrielle Friedrich Karl Flick.

Fürs Wochenende sind weitere Razzien angekündigt. Das Finanzministerium rät zur Selbstanzeige, um Peinlichkeiten zuvorzukommen. Steuerexperten schätzen, dass dem Fiskus jährlich bis zu 30 Mrd. Euro entgehen. Der Fall Zumwinkel sollte abschreckend wirken. Sein Rücktritt am Freitag war unausweichlich - und zugleich ein promptes Schuldeingeständnis. Zu groß war der Druck aus der Politik nach einem Rückzug des bisher so angesehenen Wirtschaftskapitäns, der auch als Aufsichtsratschef bei der Telekom und der Postbank sowie als Mitglied in Kontrollgremien wie der Lufthansa oder der Investmentbank Morgan Stanley an den Schalthebeln der Spitzenunternehmen saß. Anfangs hatte sich Zumwinkel noch gegen die Konsequenzen gesträubt. Der 64-Jährige wollte erst zu Jahresende den geordneten Rückzug in den Ruhestand und in den Post-Aufsichtsrat antreten. Er sei voll handlungsfähig und werde daher auch weiterhin seine Agenden wahrnehmen, ließ er verlauten, während der Post-Aufsichtsrat in Krisensitzungen über sein Schicksal und die Zukunft des Unternehmens beriet.

"Den Hals nicht voll gekriegt"

Seit 20 Jahren dürfte der Multimillionär und Firmenerbe Zumwinkel sein Vermögen vorbei am deutschen Fiskus in eine Stiftung nach Liechtenstein geschleust haben. Pikant daran ist neben allem anderen, dass die Republik Mehrheitsaktionärin der Post ist. Binnen Kürze hat Zumwinkel aber seine Reputation verspielt. Hinter den Kulissen dominierte in Berlin Fassungslosigkeit, wie ein renommierter Manager sein Lebenswerk ruiniert, weil er den "Hals nicht voll kriegen konnte".

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sorgt sich um den moralischen Schaden, den der Fall anrichtet. Er bringt die Managerelite noch mehr in Misskredit. Aber es herrschte auch Schadenfreude. In der Union war die Parteispitze verärgert, dass Zumwinkel beim Mindestlohn gemeinsame Sache mit der SPD und den Gewerkschaften gemacht hat und den Konservativen in den Rücken gefallen ist. Kanzlerin Merkel monierte, Zumwinkel hätte sich öffentlich zu den Vorwürfen äußern müssen - ein kleiner Racheakt der Regierungschefin. Und auch die Springer-Presse vergoss Häme über die Fehltritte des Postchefs. Bei der Anhebung des Mindestlohns hatte Zumwinkel dem privaten Zustellerdienst Pin, einer Springer-Tochter, gehörig ins Handwerk gepfuscht und dafür gesorgt, dass der Konzern 600 Mio. Euro in den Wind schreiben muss.

Dem Rentner Zumwinkel bleibt ein Jahressalär von einer Mio. Euro aus seinen Post-Ansprüchen. Der passionierte Bergsteiger wird jetzt mehr Freizeit, als ihm lieb ist, auf seinem fürstlichen Anwesen verbringen - der Burg Tenno bei Riva, hoch über dem Gardasee in den Weinbergen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2008)

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