In den Fängen der bösen Mutter

Dem Grazer Schauspielhaus sind mit Thomas Bernhards „Am Ziel“ und dem norwegischen Männerdrama „Elling“ gleich zwei schöne Premieren gelungen.

Denken Sie nicht manchmal daran/ alles in die Luft zu sprengen...?“, fragt „Die Mutter“ im Finale von „Am Ziel“ den Schriftsteller, der bei ihr in Holland im Haus am Meer zu Gast ist. Das klingt beinahe wie eine Liebeserklärung an eine verwandte Seele. Vorwiegend aus solch zerstörerischen Tiraden einer älteren Dame besteht Thomas Bernhards 1981 veröffentlichtes, von Autobiografie und Transzendenz durchtränktes Stück. Das macht auch seinen Charme aus. Zur selben Zeit hat Bernhard seine Kindheitsbücher geschrieben, die auch von der Ablehnung durch die Mutter, Krankheit und Tod handeln. In „Am Ziel“ wurde diese Trostlosigkeit in eine schlüssige Form gebracht.

Der Monotoniefalle entronnen

Die dominante Mutter (Steffi Krautz), die von ihr beherrschte, fast stumme Tochter (Carolin Eichhorst), die ihren ganzen Protest in aggressives Kofferpacken steckt, und schließlich auch noch dann und wann ein hoffnungsvoller Jungdramatiker (Max Mayer) sind die handelnden Personen. Ein marodes Gusswerk, ein toter Mann und ein als Kleinkind gestorbener Sohn werden als abgehakte Opfer nur en passant und somit unfassbar grausam erwähnt. Das Drama lebt vom poetischen Wiederholungszwang und von der Musikalität der Sprache, birgt aber die Gefahr in sich, bei zu bravem Spiel tatsächlich nur monoton zu wirken.

Am Donnerstag hatte „Am Ziel“ im Grazer Schauspielhaus Premiere. Regisseur Patrick Schlösser ist nicht in die Falle der Eintönigkeit geraten, sieht man von einigen Längen vor der Pause ab. Die hervorragende Steffi Krautz in der Hauptrolle trägt den Abend, indem sie der herben, frustrierten Mutterrolle auch Tupfer von Frivolität und Heiterkeit gibt, die das Furchtbare noch kontrastreicher wirken lassen.

Vor allem aber gelingt Schlösser im Finale ein geschickter Regieeinfall. Er verstärkt die redundanten Muster Bernhards noch und lässt markante Sätze mutwillig gleich zweimal wiederholen, macht daraus eine Charade. Licht aus, Licht an, noch einmal fällt der Satz und noch einmal, ohne Gnade. „Mich interessierte das Entgegengesetzte“, sagt die Mutter. Man glaubt es ihr bedingungslos.

In ihrem Salon herrscht im ersten Akt das Lamento einer bösen Gusswerksbesitzerswitwe, die leichtsinnigerweise einen Dichter ins Haus am Meer eingeladen hat und nun darum bangt, dass er ihr die Tochter wegnimmt. In dem hohen Raum mit der beinahe lächerlich großen Doppeltür und der steilen Leiter (ein stimmiges Bühnenbild von Katja Wetzel), auf der die Tochter mit einzupackender Kleidung balanciert, sitzt die Mutter meist im Zentrum, Cognac trinkend, herrisch um Tee bittend, während die Gedemütigte wie ein Satellit um sie kreist. Eichhorst überzeugt in dieser anfangs stummen Rolle, neben dem Unterwürfigen wächst bereits still die rettende Auflehnung.

Auch Mayer spielt die Rolle des aufstrebenden Dichters gekonnt arrogant; um ihn kreisen im zweiten Akt auf der Terrasse des Hauses am Meer lauernd die beiden Konkurrentinnen. Sie schenken sich nichts, sie schicken sich bereits an, den jungen Mann zu verschlingen: „Ich fürchte/er wird länger als nur ein paar Tage bleiben“, heißt das abschließende Urteil der Mutter. Dieser ambivalente Satz, auf den das Stück hinstrebt, ist dessen Ende. Man ist am Ziel. Ein schöner Erfolg für das Grazer Schauspielhaus.

Am Vortag hatte auf der Probebühne das norwegische Stück „Elling“ Premiere, die Geschichte zweier junger Männer, die aus einer Nervenheilanstalt entlassen wurden und in einer gemeinsamen Wohnung versuchen, mit dem Alltag zurechtzukommen. Axel Hellstenius hatte den Roman „Blutsbrüder“ von Ingvar Ambjornsen 1999 mit großem Erfolg dramatisiert, die Verfilmung wurde für den Oscar nominiert.

Zwei Menschen mit Handicap

Die Inszenierung von Bernadette Sonnenbichler in Graz ist eine reife Leistung. Mit Claudius Körber als schrulligem Muttersöhnchen Elling und Franz Solar als simplem, von Lebenshunger erfülltem Mitbewohner Kjell sind die Hauptrollen bestens besetzt. Den beiden gelingt eine sensible Darstellung zweier Menschen mit Handicap, sie gleiten nicht ins Billig-Lächerliche ab. Thomas Frank und Andrea Wenzl in den Nebenrollen neigen noch jugendlich engagiert ein wenig zur Übertreibung. Dabei handelt es sich doch bei dieser harmoniebedürftigen Aufführung in schräger Kulisse (Bühne: Sabine Freude) um einen „ganz normalen Lyrikabend“, wie Elling nach einem seiner harmlosen Abenteuer sagt.

THEATER IN GRAZ: Termine

„Am Ziel“ von Thomas Bernhard: 27.Feb- ruar, 8., 11., 14., 29.März, 3., 9.April um 19.30 Uhr im Grazer Schauspielhaus.

„Elling“ von Axel Hellstenius (nach dem Roman „Blutsbrüder“ von Ingvar Ambjørnsen): 25.Februar, 4., 17., 20.März um 20Uhr auf der Probebühne des Schauspielhauses.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2008)

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