Vor einem Jahr begann die Debatte über jugendlichen Alkoholmissbrauch, die die österreichische Medienlandschaft mehrere Monate beherrschte. Ein unaufgeregtes Resümee.
Komatrinken gibt es nicht mehr. Zu diesem Schluss könnte man bei einem Blick in die Medien der vergangenen Wochen gelangen. Gerade einmal in der Novellierung der Gewerbeordnung, die Wirte zur Kontrolle von Ausweisen verpflichtet, findet man das Thema behandelt.
Es ist beinahe jene Ruhe eingekehrt, wie sie im Frühjahr 2007 vorherrschte – bis zu jenem Zeitpunkt, als Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky den Begriff „Komatrinken“ ins Spiel brachte und härtere Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch ankündigte. Das bisher als „Kampftrinken“ bekannte Verhalten wurde von ihr wenige Tage später als „Volkssport“ bezeichnet – mit einer Studie als Grundlage.
Damit war der Damm gebrochen, das Phänomen stürzte wie ein Wasserfall in die öffentliche Diskussion. Und die Medien nahmen es dankbar auf. „Es ist der Nachrichtenfaktor der sozialen Nähe, der das Thema so attraktiv macht“, sagt Medienpsychologe Peter Vitouch. Und Eltern erfuhren Dinge, die auch ihre eigenen Kinder betreffen könnten.
Stimmen gegen die Hysterie
Im März war erstmals von Hochbetrieb in Notaufnahmen die Rede, von überall tauchten Studien über exzessives Trinken auf. Als Verantwortliche gerieten Lokalbesitzer ins Visier, die Jugendliche mit billigem Alkohol locken. In mehreren Städten wurden Rufe nach Alkoholverboten im öffentlichen Raum laut.
Als dann Fälle auftauchten, bei denen Jugendliche sich daheim in die Bewusstlosigkeit tranken – und den Alkohol von volljährigen Bekannten bekommen hatten – richteten sich die Schuldzuweisungen an Erwachsene generell. Und in den Medien wurde die Debatte am Kochen gehalten – mit Bilanzen zu Wochenbeginn, wie viele Jugendliche sich am Wochenende bewusstlos getrunken haben.
Mitte Mai setzten erste Stimmen gegen Hysterie ein. So verwehrte sich etwa SP-Nationalratsabgeordnete Laura Rudas dagegen, einzelne Fälle aufzubauschen und die Jugend als „Generation Komatrinker“ zu brandmarken. Und Medien-Experten warnten, dass Jugendliche durch die Berichterstattung über Komatrinken erst dazu angestachelt werden. „Manche Dinge, die permanent da sind, werden erst durch Beobachtung und Beschreibung zu einer Bedrohung oder Epidemie“, erklärt Medienpsychologe Vitouch.
Konsequenzen und Kampagne
Gleichzeitig gab es auch erste Konsequenzen. So verbannte etwa die Tankstelle am Wiener Schwedenplatz, an der sich Jugendliche nachts mit Alkohol eingedeckt hatten, harte Getränke aus dem Sortiment. Und Gesundheitsministerium und Fonds Gesundes Österreich starteten im Juni die Imagekampagne „Nachdenken statt Nachschenken“.
Mitte des Sommers rechneten die Experten der Statistik Austria schließlich vor, dass die Zahl von Jugendlichen, die nach Alkoholexzessen ins Spital eingeliefert wurden, seit Jahren konstant bleibe. Kurz darauf verschwand die Debatte aus den Medien. „Komasaufen“ tauchte erst wieder im Dezember an prominenter Stelle auf – der Begriff wurde zum „Unwort des Jahres 2007“ gekürt.
Und jetzt? Im Wiener Bermuda-Dreieck, das im Zusammenhang mit Komatrinken immer wieder genannt wurde, herrscht Ruhe. „Es gab zuletzt keinen einzigen Fall von Komatrinken“, sagt Josef Koppensteiner, Polizeichef des ersten Bezirks. Aber auch während des medialen Hypes sei das Problem nicht massiv gewesen.
Einen medialen Schlussstrich setzte Gesundheitsministerin Kdolsky bei der Abschlusspräsentation der Aktion „Nachdenken statt Nachschenken“. Die passende Studie, nach der 22 Prozent weniger Jugendliche mit Alkoholvergiftungen im Spital gelandet sind, durfte nicht fehlen. Im Ministerium versichert man aber, dass das Thema damit nicht tot sei – noch 2008 sollen bunte Jugendausweise kommen, die Wirten auf den ersten Blick zeigen, ob Jugendliche schon Alkohol trinken dürfen.
„Öffentlichkeit ist vergesslich“
Ist das Thema damit erledigt? Nein, meint Medienpsychologe Vitouch, „das kann durchaus wieder kommen.“ Ein neuer Anlassfall könne die Debatte wieder ins Rollen bringen. Und sie könnte genau so wie im Vorjahr verlaufen, ohne dass es jemand bemerken würde. Denn, so Vitouch: „Die Öffentlichkeit ist relativ vergesslich.“
VERLAUF DER DEBATTE
Februar 2007: Gesundheitsministerin Kdolsky kündigt Kampf gegen „Komatrinken“ an.
März 2007: In Medien werden erste Einzelfälle thematisiert.
April bis Juli 2007: Höhepunkt der Debatte, Ruf nach strengeren Gesetzen.
Dezember 2007: Komasaufen wird „Unwort des Jahres 2007“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2008)