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Berlinale: "Tropa de Elite" als Sieger

(c) Berlinale
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Würdiger Gewinner einer kümmerlichen Konkurrenz. Eine Eliteeinheit soll für den Papst-Besuch 1997 die Slums von Rio de Janeiro "befrieden": Goldener Bär für José Padilhas "Tropa de Elite".

Die diesjährige Berlinale endet im Schusswechsel und mit einer großen Überraschung: Einer der besten Filme des Wettbewerbs gewann. Am Samstagabend ging der Goldene Bär an den brasilianischen Actionthriller Tropa de Elite. Als das Spielfilmdebüt des vierzigjährigen José Padilha der internationalen Presse gezeigt wurde, reichten deren erste Reaktionen von „konservativ“ und „plump“ hin zu „spekulativ“.

Der Schock saß tief: Schon die ersten Minuten – Wackelbild, Punkmusik, Schnittgewitter – ragten aus dem Konsenssumpf der Konkurrenz heraus. Im Totenkopf steckt ein Messer, im Hintergrund überkreuzen sich zwei Pistolen. Das martialische Emblem der Eliteeinheit BOPE gibt den Ton an, ihr Einsatzgebiet sind die siebenhundert Slums von Rio de Janeiro. Es ist das Jahr 1997: In wenigen Wochen wird der Papst der Stadt einen Besuch abstatten und in einem Problemviertel nächtigen. Der stählerne, ironiefreie Captain Nascimento (Wagner Moura) hat die Aufgabe, die Gegend zu befrieden. Gleichzeitig ist er mit der Selektion eines Nachfolgers beschäftigt: Seiner schwangeren Frau zuliebe will er sich aus der Eliteeinheit zurückziehen. Zwei Jungspunde erhalten seine Aufmerksamkeit: der aggressive Neto (Caio Junqueira) und der idealistische André Matias (André Ramiro).


„Law and Order“: Bloß noch ein Slogan

Padilha zeichnet ihre Geschichten, die sich großteils eigenständig entwickeln und nur gelegentlich kreuzen, in digital eingefärbten, dynamischen Bildern nach. Tropa de Elite ist ein beeindruckender Genrefilm, der wenig Interesse an politisch korrekter Problemverhandlung hat: Sein Drehbuch wurde von einem ehemaligen BOPE-Mitglied mitverfasst. Zentrum des Films ist das Ausstellen von systemischen Prozessen: In einer Einstellung ist zu sehen, wie eine Leiche über die Bezirksgrenze geschleppt wird, um die Statistik zu beschönigen.

Der aufstrebende Polizist André studiert nebenbei Jura, seine ethische Integrität wird bald attackiert: Soll er seine kiffenden Oberschichtfreunde verhaften? Ist es vertretbar, einen Verdächtigen mit Fäusten zu vernehmen? Law and Order, Recht und Gesetz: in Tropa de Elite ist das nur mehr ein Slogan. Ein anderer: Die Unschuld ist das erste Opfer des Krieges. Padilhas Film ist unnachgiebig in seiner Brutalität und ungnädig in seiner Figurenzeichnung: Die reichen Studenten engagieren sich in einer NGO, ein paar Meter weiter wird ein junger Mann mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt.

Das System prägt den Charakter: Das ist auch die Erkenntnis in Standard Operating Procedure. Errol Morris inszenierte die erste Dokumentation, die jemals am Berlinale-Wettbewerb teilnahm – und die prompt den Großen Preis der Jury erhielt. Der US-Regisseur hat sich darin mit den Fotos aus Abu Ghraib auseinandergesetzt, die 2004 für weltweite Entrüstung sorgten. Morris hat viele Interviews geführt: Neben Aktenkundigen kommen vor allem jene Soldaten zu Wort, die für die Gräueltaten im irakischen Gefangenenlager verantwortlich waren. Seinen Mangel an bewegten Bildern kompensiert Morris' Film mit kalt ausgeleuchteten Nachinszenierungen, die in ihrer sterilen Ästhetik an „Folterporno“-Horrorfilme wie Hostel oder Saw erinnern.


Nur wenige kompromisslose Visionen

Standard Operating Procedure ist eine Hochglanzdokumentation, der Denkansätze fehlen: Dass Lynndie England und ihre Kameraden nicht einfach nur moralisch verweste Menschenquäler sind, sondern dass die systemischen Gegebenheiten die zivilisatorischen Verhaltensnormen bestimmen, sollte nicht überraschen.

Morris kreist beständig um die Psychologie dieser Verbrechen, schert sich dabei zu wenig um grundsätzliche, aber selten gestellte Fragen: Wie viel von der Realität ist auf einem Zeitpunktausschnitt – wie eben einer Fotografie – tatsächlich zu sehen?

Umgelegt auf die Berlinale: Welche Relevanz hat es dann, wenn die krakeelende Sally Hawkins aus Mike Leighs witzloser Weltverständigungskomödie Happy-Go-Luckyden Darstellerinnenpreis bekommt, während etwa Hong Sang-soos wunderschöne koreanische Tragikomödie Nacht und Tag übergangen wird? Viele Wettbewerbsfilme werden in wenigen Wochen vergessen sein, bleiben werden bloß die kompromisslosen Visionen: Paul Thomas Andersons apokalyptisches Epos There Will Be Blood, für das er als bester Regisseur ausgezeichnet wurde – und Padilhas grimmiger Siegerfilm. Das in das kritische Kreuzfeuer geratene Berlinale-Beschwichtigungskino ist angeschossen: Heuer siegten (endlich) die Aggressoren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2008)