Es war einmal eine Heldin

Es ist nicht Aufgabe eines Opfers, so zu sein, wie wir es gerne hätten.

Also, wie war das noch einmal vor zwei Jahren? Ein blasses, dünnes Mädchen war ihrem Entführer entkommen und trat im Fernsehen auf. Sie trug ein Kopftuch, blinzelte oft, sie setzte ihre Worte wohlüberlegt – und alle waren begeistert. Diese gepflegte Sprache! Dieser Wortschatz! Diese Bildung! Österreich hatte seine Heldin.

Mittlerweile zerreißt sich das halbe Land das Maul darüber, dass die jetzt Neunzehnjährige in einem Interview die Exekutive mit der Justiz verwechselt hat. Mittlerweile ist man skeptisch: Hat es nicht geheißen, sie trage ein Foto ihres Peinigers bei sich? Was macht sie eigentlich mit all den Spenden? Und warum ist sie nicht früher geflüchtet? Sie war doch bei seiner Mutter zu Besuch! Sogar ihre Sprache, die man vorher bewundert hat, eine Sprache, die unüberhörbar aus Büchern stammt, klingt für manche plötzlich komisch. Irgendetwas stimmt da nicht!

Also bitte: Wie hätten Sie's denn gern? Wie soll ein Mensch sich denn verhalten, der Jahre seines Heranwachsens im Verlies verbracht hat? Wie soll er reden? Was soll er sagen? Und was soll er bitte schön tun, wenn er unversehens in den Mittelpunkt eines Skandals mit nachfolgendem Politstreit gerät? Soll Natascha Kampusch gleich vorsorglich auf etwaige Ansprüche verzichten? Weil sie ja eh das Haus geerbt hat? Soll sie sagen, dass alles nicht so wild ist und Fehler nun einmal passieren?


Natascha Kampusch hat sich untadelig verhalten. Aber selbst, wenn es anders wäre, selbst wenn sie morgen ihre Geschichte für 10 Millionen Dollar an einen US-Boulevard-Sender verkaufte, selbst wenn sich herausstellte, dass sie allabendlich mit ihrem Entführer Samba getanzt und dabei Rotwein getrunken hat, geht uns das nichts an. Es ist ihre Angelegenheit – und vor allem ändert es nichts, rein gar nichts an der Tatsache, dass sie Dinge durchlitten hat, die für uns nicht vorstellbar sind.

Manche haben geglaubt, sie ist das perfekte Opfer. Aber das perfekte Opfer gibt es nicht. Es ist auch nicht die Aufgabe eines Opfers, so zu sein, wie wir es gerne hätten.

Ich finde, es ist Zeit, dass Alfred Gusenbauer, Günther Platter und Co sich bei ihr entschuldigen.


bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2008)

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