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Wahnsinn! „Bild“ wird gelesen!

(c) www.bildblog.de
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Der Springer-Verlag will den "Bild"-kritischen Weblog einschränken. Den "Bild"-Blog (gegründet 2004) besuchen laut eigener Angaben täglich 40.000 User, die "Bild"-Zeitung verkauft rund 3,3 Mio. Exemplare jeden Tag.

Es ist ihre Größe, und was sich daraus ergibt: ihre Meinungsmacht, gepaart mit journalistischer Verantwortungslosigkeit, Kampagnen oder Verletzungen des Persönlichkeitsrechts.“ Das sind die Motive Christoph Schultheis', den „Bild“-Blog zu betreiben, einen Weblog, der die Tageszeitung „Bild“ des deutschen Axel-Springer-Verlages kritisch beobachtet. Ein kleines Team liest genau, entdeckt Fehler, recherchiert Geschichten nach, kommt dabei oft zu neuen Schlüssen. 2005 erhielten Schultheis und sein Kompagnon Stefan Niggemeier einen Grimme-Preis für ihr Engagement.

Genau dieses aber spricht der Springer-Verlag dem „Bild“-Blog nun ab und will seinem journalistischen Anstandswauwau verbieten lassen, Beschwerden beim Deutschen Presserat einzureichen. Springers Argument: Den Betreibern des Blogs gehe es nur um die Steigerung der Zugriffszahlen (und damit höhere Werbeeinnahmen) und nicht darum, „Missstände aufzuzeigen“.

Dass man sich „zum überwiegenden Teil aus Werbung finanziert“, sei unbestritten, sagt Schultheis im Gespräch mit der „Presse“. Doch: „Zwölf Mal haben wir uns in den vergangenen dreieinhalb Jahren beim Presserat über die Berichterstattung von ,Bild‘ beschwert. Neun Fälle hat der Presserat bisher behandelt und in keinem Fall eine Rüge ausgesprochen.“ Im Endeffekt entstehe also für „Bild“ kein Schaden. Über die tatsächlichen Motive des Verlages lässt sich nur spekulieren. Schultheis vermutet, dass sein Weblog bloßes Instrument im Clinch des Verlages mit dem Presserat sein könnte.


Deutscher Presserat mit Vorurteilen?

Schon mehrmals habe die Instanz die Tageszeitung ermahnt, etwa wegen Schleichwerbung. Das geschehe auch anderswo, berief Springer sich auf Konkurrenzmedien und warf dem Presserat vor, er agiere befangen. Am 12.März tagt die Selbstkontrollinstanz, da fordert Springer eine grundsätzliche Klärung der Causa „Bild“-Blog.

Ein ähnlicher Fall – der „Kronen Zeitungs“-Blog namens „Klone“ – ist in Österreich seit langem abgeschlossen: 2001 ließ die „Krone“ den Weblog Nikolaus Formaneks einfrieren. Ein Markenrechtsverfahren (das „Klone“-Logo ähnelte dem der „Krone“), eine „Millionen-Schilling-Klage“, wie er heute erzählt, konnte Formanek nach mehreren Ehrenbeleidigungsklagen finanziell nicht mehr tragen. Man einigte sich auf einen Vergleich, die „Rechte für dieKlone.at haben sie bekommen. In Österreich gibt es keinen Schutz für Satire“, klagt Formanek – und lobt „Die 4 da“ (ORF) für ihren Mut. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ermahnt österreichische Richter übrigens regelmäßig, es mangle ihnen an Verständnis für Ironie.

Dabei hat auch Schultheis wenig Verständnis für Polemik und Satire, sein Blog beschränkt sich auf die Dokumentation journalistischer Fehler. Dieses Feld sollte allerdings vor allem ein Presserat beobachten – den es in Österreich seit 2001 nicht mehr gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2008)