Geschäftsmann Martin Schlaff gibt im Bawag-Prozess Geschichts-Nachhilfe.
Wien. Die brisanteste Information brachte Staatsanwalt Georg Krakow zum Schluss des 70. Verhandlungstages im Bawag-Prozess ans Licht. Lange, nachdem der als Zeuge geladene Geschäftsmann Martin Schlaff gegangen war. Der wie immer elegante Unternehmer ist im Großen Schwurgerichtssaal kein Unbekannter. Schon am 11.Oktober war er als Zeuge geladen. Damals ging es um den Kauf der bulgarischen Handyfirma MobilTel durch Schlaff und Bawag.
Diesmal geht es um ein nicht weniger brisantes Geschäft: Das 1998 eröffnete und 2000 wegen politischer Unruhen wieder geschlossene Spielkasino in Jericho, an dem Schlaff (über die CAP Holding), die Bawag, die Casinos Austria und eine palästinensische Vermögensholding beteiligt waren. Die Bawag hielt zehn Prozent – dieses Aktienpaket stand mit fünf Mio. Dollar (damals gleich viel Euro) in den Büchern der Bank. Während die Casinos Austria ihre Beteiligung (15 Prozent) nach der Jericho-Schließung ganz und die CAP zumindest teilweise abschrieben, behielt die Bawag die wertlose Beteiligung in den Büchern. Sie hat sie 2001 sogar aufgewertet. Auf genau 120 Mio. Euro – um sie den durch Spekulationsgeschäfte in der Karibik entstandenen Verlusten gegenrechnen zu können.
Wertlose Anteile aufgewertet
Wie das die Bawag machte? Krakows bohrende Fragen waren erfolgreich: Ein Geschäftsmann namens Osama Amr legte über eine Abaad Company ein Angebot für den Bawag-Anteil – der Kauf kam allerdings nie zustande. Aber der Bawag diente das Angebot als Richtwert für die Aufwertung. Schlaff will Osama Amr nicht gekannt haben – „der Name sagt mir nichts“, antwortet er Gutachter Thomas Keppert knapp. Viel auskunftsfreudiger zeigt sich der Milliardär auf die Fragen von Richterin Claudia Bandion-Ortner zu einem anderen Geschäft, das sehr wohl zustande kam. Die Bawag hat vor rund einem Jahr, als das Milliardendebakel längst bekannt war, ihre Kreditforderungen gegenüber der CAP verkauft. Um elf Mio. Euro. Aber nicht an Schlaff, wie dieser ausdrücklich betont. „Sie haben also damit nichts zu tun?“, so Bandion-Ortner. „Oh ja doch, ich habe den Käufer gebracht und mich an der Finanzierung beteiligt.“ Es sei ein palästinensischer Investor mit einer zypriotischen Firma gewesen. „Eine Gesellschaft auf Zypern“, schmunzelt die Richterin.
Nach den Beweggründen für das Jericho-Projekt befragt, erteilt Schlaff dem Publikum eine Nachhilfestunde in Nahost-Geschichte: Es herrschte ein entspanntes politisches Klima, ein Frieden sei in Reichweite gewesen. Weil in Israel Glücksspiel verboten sei, habe er die Idee gehabt, in Jericho, auf Palästinensergebiet, ein Casino zu errichten. „Ich bin jüdischer Herkunft, spreche perfekt Hebräisch und habe sehr gute Kontakte in die Politik, zu Netanjahu und Scharon genauso wie zu Arafat“, gab Schlaff zu Protokoll.
Anfangs habe sich das Casino mit einer Million Besuchern pro Jahr nicht nur als Goldgrube erwiesen, sondern auch als „Ort der Begegnung“ für Israelis und Palästinensern. Bis die Intifada ausbrach. Im Oktober 2000 hätten die Gesellschafter die Schließung beschlossen. „Glauben Sie, dass das Casino wieder aufsperrt?“, fragt Bandion-Ortner. „Ja“, sagt Schlaff, „glauben...“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2008)