Albertina: Der Horror aus der Welt der Väter

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Krimipremiere: Max Ernsts originale Collagen für „Une semaine de bonté“.

David Lynch sei ihm um den Hals gefallen, erzählt Werner Spies, einst Direktor des Centre Pompidou in Paris. Was den Regisseur so euphorisierte? Die Nachricht, endlich die Originale zu Max Ernsts 1934 gedrucktem Collageroman „Une semaine de bonté“ sehen zu können. Und zwar in Wien, in der Albertina. Eine eher überraschende emotionale Reaktion für den österreichischen Normalsterblichen. Ist der deutsche Surrealist (1891–1976) hierzulande gerade einmal mit einem Belegexemplar vertreten, dem „Festmahl der Götter“ (1948) in der Mumok-Sammlung. In der Künstlerszene genießen Max Ernsts Collagen aber größte Bewunderung.

Im Paris der 20er-Jahre hatte der Künstler diese beliebte Dada-Technik zu derartiger Perfektion geführt, dass sie sich durch das extrem einheitliche, eben nicht zerstückelt wirkende Bilderlebnis praktisch ad absurdum führte. Eine Könnerschaft, die sich am eindrücklichsten in seinen drei Erzählungen „ohne Worte“ manifestiert: „La femme 100 têtes“ erschien 1929, ein Jahr später „Rêve d'une petite fille qui voulut entrer au Carmel“ (Traum eines Mädchens, das ins Karmeliterkloster eintreten wollte). Der dritte, aufwendigste Collageroman „Une semaine de bonté ou Les sept éléments capitaux“ ist heute Kult. Nicht nur für David Lynch. Charlie Chaplin etwa, weiß Spies den Mythos weiter zu nähren, sei nur mit einem einzigen dieser Hefte als Lesestoff auf Weltreise gegangen.

Erstmals alle Originale auf einmal

Also. Worin liegt der Reiz dieser auf den ersten Blick so unzusammenhängenden, ungeheuer sarkastisch betitelten Erzählung „Die weiße Woche. Ein Bilderbuch von Güte, Liebe und Menschlichkeit“? Die 184 kleinteiligen Blätter, die eines neben dem anderen in der Pfeilerhalle der Albertina hängen gelten als visuelle Keimzelle für die internationale Verbreitung des Surrealismus, werden mit Goyas „Caprichos“ und „Los Desastres de la Guerra“ verglichen. Vor allem aber ist ihre Zusammenstellung, die Ausstellung selbst eine Sensation, so Spies, Kurator und Max-Ernst-Experte. Erstmals seit 72 Jahren sind die Roman-Originale wieder zu sehen. Und erstmals überhaupt in ihrer Gesamtheit. Was der Freundschaft des deutschen Kunsthistorikers mit dem Leihgeber, Medien-Tycoon Daniel Filipacchi („Paris Match“), zu danken ist.

So kann jetzt genau das feinsäuberlich studiert werden, was eigentlich nie hätte so feinsäuberlich studiert werden sollen: Nämlich Ernsts Technik der Täuschung, sein „perfektes Verbrechen“, wie Spies die mikrochirurgischen Collagen beschreibt. Zwar schwer, aber doch sind die Schnitte und Zusammenfügung, „die Indizien“, auf den Originalen zu entdecken. Was ihrem doppelten Retrozauber allerdings keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Denn nicht nur Max Ernsts Werk ist heute historisch, er arbeitete damals selbst mit historischem Material. In einer Art horrenden Fließbandarbeit, während eines nur dreiwöchigen Italienurlaubs, hat er für seinen in Wochentage, Farben, Elemente und Attribute unterteilten Roman nämlich die Welt seiner Väter zerschnitten – Schundliteratur aus dem 19.Jahrhundert.

Die darin abgebildeten, teils unsäglich banalen Holzschnitte lieferten den stilistisch so homogen wie möglich benötigten Rohstoff, aus dem der Surrealist dann seine krude Mischung aus Mythen und Märchen, Träumen, Traumata und Trieben gewann und zu zarten Bildchen des Schreckens goss bzw. klebte. Spies selbst hat in detektivischer Arbeit einige der Vorlagen aufgespürt. Ihn durch diesen Krimi zu begleiten ist eines der spannenderen Erlebnisse, die in der Albertina zuletzt zu entdecken waren. Wenn man die Muße findet, sich auf das Spiel einzulassen.

Bis 27.4., danach im Max Ernst Museum Brühl und der Hamburger Kunsthalle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2008)

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