Tod des Lexikons: Zwischen allen Buchdeckeln ist Ruh'

(c) Brockhaus

Auch wenn der gedruckte Brockhaus nicht mehr neu aufgelegt wird: Im Internet ist das universale Wissen gut aufgehoben. Wie Wiki & Co. das Erbe wahren.

Unkenrufen im deutschen Feuilleton zufolge ist das Wissen der Menschheit gehörig bedroht. Die Nachricht, dass der gedruckte Brockhaus nicht mehr neu aufgelegt wird, weckte da bange Fragen: Werden die Artikel, die man im Internet-Lexikon Wikipedia liest, nicht ständig „überschrieben“? Verschwindet damit die Geschichte des Wissens? Wie werden Menschen im späten 21. Jahrhundert den „Wissensstand“ von 2025 rekonstruieren? Mehr noch, die Furcht geht um vor „gigantischen Ausradierungen“ auch des gegenwärtigen Wissens, indem privatwirtschaftliche Lexikon-Betreiber die Wissensquellen einfach „abschalten“.

Droht uns wirklich ein Verlust, so dramatisch wie das Verschwinden schriftlicher Aufzeichnungen zwischen Spätantike und Hochmittelalter? Nein, die Ängste zeigen vor allem eins: Der gute alte Brockhaus ist gar nicht tot, er steckt nicht nur in Regalen, sondern auch noch tief in den Köpfen. Hinter der Internet-Enzyklopädie Wikipedia lauert demnach ein dunkler Konzern im Alleinbesitz aller Daten, der jederzeit auf den Löschknopf drücken kann, wie früher eine Supermacht auf den Zündknopf für die Atombombe: nicht um die Menschheit, aber das Menschheitswissen auszulöschen.


Katastrophenhilfe für stromlose Zeiten

Das Gegenteil ist der Fall, Wissen war noch nie so dezentral. Alle Änderungen aller Wikipedia-Artikel sind online und nachzuvollziehen, auf download.wikipedia.org kann jeder, ob Privatperson oder Staatsarchiv, den Datenbestand herunterladen und speichern, sowohl die gerade aktuelle als auch alle früheren Versionen. Kein Brockhaus und keine Encyclopedia Britannica kursierten jemals in so vielen historischen Varianten wie die erst seit 2001 existierende Online-Enzyklopädie Wikipedia. Jeder kann über die Daten verfügen, sogar Bücher daraus machen (wenn er die „Autoren“, das heißt ihre Benutzernamen anführt). Auch die Konvertierung in immer neue Daten-Formate ist lösbar. Um das Wikipedia-Wissen zu eliminieren, müsste man nicht nur weltweit alle Wikipedia-Server zerstören, sondern auch jeden Computer, PDA, Speicherstick. Das gedruckte Wissen brauchen wir heute vor allem als Rettungsanker: für den Fall, dass eine globale Katastrophe uns in vorelektrische Zeiten zurückwirft.

Das Wissen wirft jedenfalls immer noch „Zeitfalten“, vielfach mehr sogar denn je. Nur dass nicht mehr einige Experten den „Wissensstand“ präparieren, wie Eltern ihren Kindern das Fleisch vorschneiden. Auch das freilich wird es weiterhin geben: Im April etwa wird der Brockhaus zum werbefinanzierten Online-Lexikon. Aber mit der Illusion eines abgeschlossenen Wissens, eingepackt zwischen zwei oder 60 Buchdeckeln, ist es endgültig vorbei.

Ist das Sterben des gedruckten Universallexikons also doch eine große Zäsur? Sieht man sich die Vorgeschichte der bildungsbürgerlichen Enzyklopädien an, kann man auch viele Kontinuitäten sehen, ja, in manchem scheint Wikipedia tief in die Vergangenheit zurückzuführen. Vor wenigen Jahrhunderten erst, als die Buchdrucker ihr Gewerbe vom König schützen ließen, um „Raubkopierern“ das Handwerk zu legen, entstand die Trennung zwischen denen, die Wissen her- und darstellen, und denen, die es konsumieren. Der US-Philosoph und Soziologe Steve Fuller fühlt sich durch Wikipedia sogar an die mit der Universität aufkommenden mittelalterlichen „Handbücher“ erinnert. Ihre Seiten aus Tierhaut waren leicht überschreibbar, oft fügte der jeweilige Besitzer vor der Weitergabe Kommentare ein oder änderte Textstellen.

Auch der eigentliche Urahn des Universallexikons, die von Diderot und d'Alembert Mitte des 18. Jahrhunderts herausgegebene 18.000-seitige „Encyclopédie“, ist Wikipedia in manchem sogar näher als dem Brockhaus der Fünfzigerjahre. Die Verfasser waren nicht nur der Wahrheit, sondern auch dem Streit für die aufklärerische Vernunft verpflichtet, die Einträge sind ungeniert interpretierend und kommentierend.


„Objektivität“ ist kaschierte Politik

„Dahinter stand auch ein politisches Konzept“, sagt der Schweizer Historiker Philipp Sarasin, Mitglied des Zentrums Geschichte des Wissens der Uni/ETH Zürich, zur „Presse“. „Diderot wollte das weltliche Wissen gegenüber der Kirche stärken. Das spätere bürgerliche Konversationslexikon muss diese Kämpfe nicht mehr führen, es versorgt ein politisch weitgehend passives Bürgertum. Aber natürlich war auch diese scheinbare Neutralität politisch – es zeigte, dass man sich arrangiert hat. Wikipedia ist lexikongeschichtlich so spannend, weil man deutlich nachvollziehen kann, wie Wissen entsteht, woher die Beiträge kommen, wie sie sich zusammensetzen, und wie Wissen als gesellschaftliches Produkt verhandelt wird. In Wirklichkeit funktioniert nämlich auch die angeblich objektive Wissenschaft so.“

Sarasin sieht aber noch eine weitere Parallele: „Die Verweisstrukturen der Enzyklopädien sind Vorläufer des Hyperlinks, sie verbinden die seit dem 18. Jahrhundert übliche alphabetische Ordnung mit der davor praktizierten systematischen. Viele haben schon im Lexikon gesurft!“

Wikipedia und der Brockhaus, beide wurzeln nicht nur im elitären Typ der „Encyclopédie“, sondern mehr noch in dessen populären kleinen Bruder, dem Konversations-Lexikon (der Brockhaus entstand aus einem solchen). Wissenswert war hier auch das sozial Nützliche, das heißt Unterhaltsame. Sogar ein Damen Conversations Lexikon kam in den 1830er Jahren heraus, Religion nahm darin als besonders „weibliche“ Domäne am meisten Raum ein, historische Artikel wurden Männern anvertraut, „die einer romantischen Darstellung fähig“ seien: Da wird etwa schwelgerisch die Liebe zwischen Abaelard und Heloise im Groschenroman-Stil erzählt, dafür erfährt man unter dem Stichwort „Emancipation“ nur, dass es eine solche für die Katholiken (in Irland) gibt und für die „Negersklaven“.


Und täglich grüßt das Eichhörnchen

Auch die „Buntschriftstellerei“ ist mit Wikipedia verwandt, nach Lust und Laune zusammengetragenes Wissen, etwa in den „Noctes Atticae“ des antiken Schriftstellers Aulus Gellius oder, im 17. Jahrhundert, Abraham a Sancta Claras Schrift „Etwas für alle“. Und wie bei Wikipedia kann man sich angesichts dieses Fleckerlteppich fragen: Ist das nun Ordnungsschwäche – oder historische Reaktion auf starre Systematik?

Nicht zuletzt ist Wikipedia, wie frühere Enzyklopädien, Ausdruck eines unbändigen Sammeltriebs. Anders ließe sich die eichhörnchenhaft eifrige Arbeit abertausender Wikipedianer an immer neuen Beiträgen nicht erklären. Diese Leidenschaft trieb früher nicht nur große Enzyklopädisten an, sondern auch den Lexikon-Verkauf in die Höhe. Ein großer Teil von Meyers Konversationslexika etwa wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Kolporteuren vertrieben und in wöchentlichen Heftchen ausgeliefert.

Mit Grundsatz-Kritik schließlich war schon jedes Lexikon konfrontiert. „Die Pest des Menschen ist die Meinung, er wisse“, schrieb der Philosoph Montaigne im 16. Jahrhundert, die Welt sei zu komplex und rätselhaft, um sich enzyklopädisch erfassen zu lassen. Und, meinte Montaigne auch: Wenn der Mensch ohnehin keine Ordnung erkennen könne, könne er gleich irgendwo beginnen und sich treiben lassen. Wer weiß, vielleicht hätte Wikipedia ihm, trotz aller Verachtung, ganz gut gefallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2008)