Vor allem transitive Verben für den Geschlechtsakt eignen sich offenbar zur Aggressionsabfuhr.
Stolz bin ich u.a. darauf, noch vor Einsetzen der Vorpubertät 64 von 74 Karl-May-Bänden (inkl. „Ich“) ausgelesen zu haben. Was ich allerdings durch nichts belegen kann, schon gar nicht durch Nacherzählungen, denn ich habe, ob Sie es glauben oder nicht, den gesamten Inhalt aller 64 Bände völlig vergessen. Auch von Band fünf, „Durch das Land der Skipetaren“, an dessen Titel man dieser Tage oft erinnert wird, wenn etwa die „Presse“ berichtet, dass ein offensichtlich verwandtes serbisches Wort für Albaner, „siptari“, in Belgrad als Schimpfwort gilt.
Zur Kosovo-Frage habe ich, wie zu so vielen Fragen der Weltpolitik, keine fundierte Meinung, möchte nur ganz allgemein vorschlagen, dass man, sollte der Trend zu Unabhängigkeitserklärungen weitergehen, auf eines achte: Ein Staatsgebiet sollte womöglich das Geschlecht null haben, wie die Mathematiker vom Stamm der Topologen sagen, zu Deutsch: keine Löcher, in denen ein anderes Staatsgebiet Platz finden kann.
Das spricht etwa gegen eine Loslösung von Wien aus Österreich, da diese Niederösterreich löchrig zurücklassen würde. In welchem Fall eine Meldung wie die in der „Kronen Zeitung“ (19.2., Wiener Ausgabe) über eine „Stinkwolke“, die laut dem Sprecher von „Wien Kanal“ „von einem Wind aus Niederösterreich aus zu uns getragen worden“ sei, eine arge diplomatische Krise auslösen könnte.
Apropos Wortwahl: Besonders fahrlässig sind derzeit Zeitungen im Krisengebiet: Das kosovarische Blatt „Express“ hat auf seinem Cover drei Tote – Tito, Pasic und Milosevic – mit einem „F**k YU“ in Balkenlettern bedacht, die serbische Zeitung „Press“ hat mit einem (noch derberen, weil nicht einmal sprachspielerischen) „F**k Off!“ an drei Lebende – Bush, Thaci, Solana – geantwortet. Im Original mit Buchstaben statt Sternen.
Warum dann hier Sterne? Erstens weil die ohnehin zu selten in der Zeitung vorkommen. Zweitens aus einer Tradition des Anstands: Als ich, und das ist nicht einmal 18 Jahre her, hierblatts über die Texte der Lydia Lunch, einer Pop-Poetin mit großer Freude an vierlettrigen Wörtern, schrieb, einigten der zuständige Redakteur und ich uns auf die Formulierung „Wörter, die Sie nie in der ,Presse‘ lesen werden“, und dabei will ich bleiben. Drittens aus tiefer Abneigung gegen die – zum Glück im Deutschen seltene – Verwendung von Wörtern aus der Sexualsphäre für Beschimpfungen, wie sie mir auch große Teile des Hiphop verleidet.
Wobei man wohl akzeptieren muss, dass sich vor allem transitive Verben für den Geschlechtsakt offenbar zur Aggressionsabfuhr gut eignen. Erfreulicherweise führt sich übertriebener Einsatz im sog. „F**k patois“ selbst ad absurdum. Steven Pinker, der dergleichen in einem luziden Aufsatz namens „The Seven Words You Can't Say On Television“ (im Buch „The Stuff of Thought“) behandelt hat, gibt das schöne Beispiel eines Soldaten, der ingrimmig erzählt: „I come home to my f**king house after three f**king years in the f**king war, and what do I f**king find? My wife in bed, engaging in illicit sexual relations with a male!“
Dergleichen soll übrigens auch nach den Kriegen am Balkan passiert sein, was die Lage der Nationen nicht entspannt hat. Uns hat das Thema nur dazu gebracht, 14 Sterne in 96 Zeilen zu verwenden. Das ist Rekord.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2008)