Frühstücksbüffet, Spa und sterne-Komfort werden nicht garantiert. Ein echtes Erlebnis sehr wohl. Wer in einem crazy Hotel absteigt, nächtigt im Glas-Iglu, im Zirkuswagen oder gleich Open Air.
Wenn es in der Nacht regnet, ist der Gast dafür verantwortlich, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Nur im äußersten Notfall soll er bei den Gastgebern anklingeln und bitten, ihm zu helfen, das Bettzeug vom Garten in die Notunterkunft im Haus zu schleppen – auch die Matratze. Klingt strikt, ist aber die einzige Auflage in der Pension Kamerich in Bad Laasphe in Rheinland-Westfalen (nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass man da einmal vorbeikommt).
Mitten in ihren Garten hat die Betreiberin des Quartiers eine Tür gepflanzt, als wäre sie ein Baum. Dahinter wächst ein Bett aus der grünen Wiese, man sieht, das fiktive Zimmer ist einfach, aber funktionell: ein Nachttopf, ein Leierbrunnen, ein Gestell mit Lavoir und Wasserkrug. Die Kleider kann man auf dem Stuhl ablegen. Unter Umständen hat man dabei unfreiwillige Zuseher, aber das riskiert der Gast, der bereit ist, für den Gag – eine Nacht im Bett an der frischen Luft – 33 Euro zu zahlen. Es hätte ja auch anders kommen können, und er hätte sich in einem Bett auf einer ungeschützten Plattform mitten unter südafrikanischen Nashörnern oder auf der schmalen Pritsche in einer unbeleuchteten schwedischen Köhlerhütte wiedergefunden. Vorausgesetzt natürlich, er hätte sich von Bettina Kowalewskis Buch „Crazy Hotels“ wie von einem Reiseführer leiten lassen. Anlass dazu gibt es, denn den einzelnen Kuriositäten in dem Band sind originelle Erlebnis-Tipps vor Ort hinzugefügt.
Herzblut. Kowalewksi hat in drei Jahren Recherche eine ganze Reihe an skurrilen, fantastischen, kreativen, jedenfalls außergewöhnlichen und manchmal auch gewöhnungsbedürftigen Beherbergungsbetrieben – Hotel ist der falsche Begriff – für ein Buch zusammengetragen. Auf ihren Reisen hat die Fernsehredakteurin (Arte, ZDF) schon einige aus dem Rahmen fallende Quartiere erlebt, Lunte gerochen hat sie aber erst, als sie in Australien von MiraMira hörte: einer Fantasy-Anlage mit einer wunderschönen künstlichen Höhle, die man durch den Schlund eines Trolls betritt und wo man sich gemütlich auf drei unterirdischen Terrassen ausbreiten kann.
Dass die Autorin später vor ihrem ursprünglichen Plan abgekommen ist, die ganzen Locations nur fotografisch zu dokumentieren, sondern auch sehr persönlich zu beschreiben, unterscheidet „Crazy Hotels“ von den inflationären Fotobänden, die die coolsten, hippsten, schrägs-ten Wasauchimmer bloß clustern und unkommentiert auf den Markt werfen. In dem Buch werden schöne, kleine Geschichten erzählt, von mehr oder weniger crazy Hoteliers: Künstlern, Querdenkern, Bastlern, denen es oft zuerst um die Idee, dann um die Kohle geht – Leute wie Nobby Ward eben, der sich mit MiraMira einen Lebenstraum erfüllt hat, als es gesundheitlich nicht viel zu verlieren gab. „Mit den Hotels gibt man den Gästen oft einfach die Möglichkeit, so leben zu können wie man selbst“, sagt Kowalewksi.
Humorgeografie. Tropfsteinhöhlen ausbauen, Flugzeuge umfunktionieren, einen Riesenkoffer zum Schlafen zimmern oder eine „postmoderne Klosterherberge“ („La Claustra“ beim St. Gotthard) in einem Schweizer Berg verstecken – „das hat mit Selbstverwirklichung zu tun“.
Selbst wenn manche Projekte eine Bekanntheit und Dimension erlangt haben wie das Eishotel im schwedischen Jukkasjärvi; es findet sich im Buch, weil es jedes Jahr neu von einem anderen internationalen Künstler gestaltet wird und auch weil es wohl eine Art Vorzeigebetrieb in der Nische der originellen Quartiere darstellt.
Die halbe Welt hat Kowalewski abgeklappert – die andere Hälfte (Nord- und Südamerika sowie Asien) harrt noch der Erforschung und Bearbeitung. Eine ungleichgewichtige Verteilung von Originalität und Fantasie erkenne sie da nicht. Vielleicht neige man ja dazu, den anglikanischen Ländern mehr Humor und Originalität zuzuschreiben, da gebe es ja eine lange Tradition und Akzeptanz für Exzentrik (wie das Beispiel einer bewohnbaren Ananas zeigt). „Aber wenn man mit ausländischen Augen auf die eigene Kultur blickt, stößt man auch in Deutschland auf sehr viel Individuelles und Originelles. Es entspricht halt nicht so sehr dem Image.“
Kofferhotel. Bei jeder Unterkunft hat sie Unerwartetes erlebt. „Es waren aber letztlich die Menschen hinter den Projekten, die mich am stärksten beeindruckten“, sagt die Autorin.
Matthias Lehmann zum Beispiel kam während einer ereignislosen Nachtschicht in seinem Provinzbahnhof auf die Idee zum „Kofftel“, einem überdimensionalen Reisekoffer als Einzimmerhotel, schließlich fehlte im Museumsdorf des leidenschaftlichen Eisenbahners noch eine Übernachtungsmöglichkeit. Das halbe Dorf –Lunzenau – half ihm dabei, es zu verwirklichen. Wenn der „sächsische Daniel Düsentrieb“ selbst einmal auf Urlaub fährt, dann verbringt er ihn mit der Jagd nach Eisenbahnermützen, die er dann in seinem putzigen Museumsrestaurant aufhängt.
Raumkapseln. Als wäre es nicht kurios genug, den Weltrekord im Schafschnellscheren zu halten, nein, Barry Woods legt es darauf an, „auch bei den Unterkünften die Nummer eins zu sein. Mein Ziel ist, die ungewöhnlichste der Welt zu haben.“ Diesen Superlativ wird sich der Neuseeländer vermutlich mit einigen anderen Objekten in Kowalewskis Liste teilen müssen, dennoch: Das Flugzeug aus den 40er-Jahren, das Woods zu zwei Ferienappartements umfunktioniert hat, entspricht auf jeden Fall der in Waitomo (Nordinsel) mit großen Werbetafeln angekündigten „Unique Accomodation“. Man schläft gleich hinter dem Armaturenbrett, bleibt aber am Boden.
Vor Kälte bibbernde Gäste brachten Jussi Eiramo auf die Idee, sein konventionelles Igludorf auf Glas umzurüsten – sie verbrachten die halbe Zeit im Freien, um die Polarlichter zu sehen. Jetzt liegt man in Kakslauttanen (was so viel heißt wie „Rentierfleischlager“) gemütlich auf dem Bett und starrt durch eisbrecherübliches Spezialglas in den bunten Himmel.
Für den „Abfallarchitekten“ und „Abfallscout“ Denis Oudendijk ergab sich die Hotelidee wiederum so nebenbei. „Ich suchte ein Rettungsboot und fand die Kapseln ... man muss den Dingen eine Chance geben und ihnen zuhören.“ Jetzt schaukeln zwei „refunktionierte“ Hochseerettungskapseln vom norwegischen Ölfeld Ekofisk als Hotel-Ufos in einer Den Haagener Gracht.
Sardinenbüchse. Manchmal muss der Komfort zuguns-ten der Originalität Abstriche machen, ein Weinfass lässt sich nicht in ein Ferienhaus umbauen und ein alter französischer Zirkuswagen („Roulotte“) nicht zu einer Business-Suite mit Flachbildschirm und WLan. Wenn im Wald kein Wasser fließt, muss man eben zur Quelle wandern und einen Kübel voll holen – die Köhler im schwedischen Kolarbyn haben schließlich auch so gelebt.
Und man sollte auch nicht klaustrophobisch veranlagt sein, wenn man das verschärfte Programm im umfunktionierten Luzerner Gefängnis bucht – oder auf dem schwimmenden Häuschen im Mälaren, einem schwedischen See, eincheckt. Oben sieht das Ganze aus wie ein zu klein geratenes Ferienhaus. Ins tiefergelegte Schlafzimmer allerdings muss man durch eine Luke im Boden klettern. „Ziemlich gewöhnungsbedürftig, wenn einem die Fische beim Schlafengehen zugucken“, sagt Kowalewski, „fast so wie die Leute, die einen unter die Lupe nehmen.“ Und wehe, wenn ein Motorboot vorbeidonnert, dann gerät der Hausfrieden ordentlich ins Wanken.