Todgeweiht und quicklebendig: Kaffeehaus & Co

Der Wiener neigt dazu, seine Institutionen untergehen zu sehen, auch wenn sie sich immer noch bester Gesundheit erfreuen.

Ist dem Wiener etwas ans Herz gewachsen, reicht die kleinste Erschütterung, um das lieb Gewonnene verloren zu sehen. Schwarzmalerei wird zum ständigen Begleiter, der Untergang zur Gewissheit.

Wie oft wurde etwa das Wiener Kaffeehaus schon totgeschrieben. Hatten die Befürchtungen in den 60ern und 70ern, als die Menschen die Atmosphäre des Kaffeehauses gegen ihre Wohnzimmer tauschten – man hatte ja nun selbst einen Fernseher – noch ein reales Fundament, so geht das Lamento vom Kaffeehaussterben in jüngerer Vergangenheit ins Leere.

Sensibel bleibt das Thema allemal. Man erinnere sich an die Aufregung, als vor zehn Jahren Meldungen auftauchten, das Cafe Diglas müsse einer Supermarktfiliale weichen. Eine Meldung, die sich als Projekt einer Künstlergruppe herausstellte, die auf das Kaffeehaussterben aufmerksam machen wollte. Ein Sterben, das es zu diesem Zeitpunkt gar nicht gab.

Zumindest längst nicht mehr großflächig. Natürlich, einige Betriebe mussten damals aufgeben, wie das Café Haag in der Schottengasse. Noch dazu zog in die Räumlichkeiten eine amerikanische Pizzeria-Kette. Die Verkünder des Untergangs redeten das Kaffeehaus erneut tot. Zu Unrecht, denn einige Jahre später war „Pizza Hut“ Vergangenheit und das „Cafe im Schottenstift“ hatte die Räumlichkeiten übernommen.

Starbucks und McDonald's

Noch schlimmer fiel das Wehklagen aus, als 2001 die Coffee-to-go-Kette „Starbucks“ in Wien landete. Wieder wurden die Amerikaner zu den Totengräbern des Kaffeehauses erklärt. Doch trotz des Erfolgs der süßen Kaffeemischgetränke wollten Hawelka & Co nicht und nicht seinen herbeigerufenen Tod zur Kenntnis nehmen.

Auch andere Wiener Institutionen lassen sich zum Opfer von Globalisierung und Amerikanisierung stilisieren. Wenn etwa die Legende bemüht wird, dass das Schweizerhaus im Prater einer McDonald's-Filiale weichen muss. Seit rund 30 Jahren geistert das Gerücht umher. Und das, obwohl die Fast Food-Kette keine einzige Anfrage gestellt hat.

Das immer wieder genannte „Wirtshaussterben“ ist ein Phänomen der Vergangenheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg fielen viele Betriebe dem Verlust des Ausschank-Monopols und veränderten Konsumgewohnheiten zum Opfer. Heute kann man, nachdem die 70er eine Renaissance der Beisl-Kultur brachten, eher von einer Blüte der Wiener Gasthauskultur sprechen. Trotz McDonald's & Co.

Es scheint jener Effekt eingetreten zu sein, der in der Kommunikationswissenschaft als Gesetz der Komplementarität bekannt ist: Alte Medien werden durch neue nicht verdrängt sondern ergänzt. Das Radio hat Zeitungen nicht überflüssig gemacht, der Fernseher nicht das Radio abgelöst. Und jene, die im Kaffeehaus Zeitung lesen, nehmen sich für unterwegs auch schon mal einen Kaffee im Pappbecher mit.

Tatsächliches Aus für 1503

Interessanter Nebenaspekt: Auch jene stimmen brav ins Lamento ein, die dem Sterbenden zuvor kaum einen Besuch abgestattet haben. Und die so auch eine Mitschuld am vermeintlichen Untergang tragen. Haben jene, die sich regelmäßig im Multiplex bequem zurücklehnen, überhaupt die Berechtigung, in den Chor vom Sterben der kleinen Innenstadtkinos mit einzustimmen?

Und andererseits: Warum weint eigentlich niemand, dass mit 12.Mai 2009 die 1503-Zeitansage am Telefon („Es wird mit dem Summerton ...“) von der Telekom endgültig abgeschaltet wird?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2008)

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